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DIE TEXTILFUNDE

AUS DEN GRÄBERN

VON

AGNES GEIJER

KUNGL. VITTERHETS HISTORIE OCH ANTIKVITETS AKADEMIEN

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B I R K A

UNTERSUCHUNGEN UND STUDIEN

HERAUSGEGEBEN VON

KUNGL. VITTERHETS HISTORIE OCH ANTIKVITETS AKADEMIEN

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DIE TEXTILFUNDE

AUS DEN GRÄBERN

HERAUSGEGEBEN MIT UNTERSTÜTZUNG DES HUMANISTISCHEN FONDS

KUNGL. VITTERHETS HISTORIE OCH ANTIKVITETS AKADEMIEN

BIRKA

III

DIE TEXTILFUNDE

%

AUS DEN GRÄBERN

AGNES GEI J ER

Mit 40 Tafeln und 50 Abbildungen im Texte

UPPSALA 1938

ALMQVIST & WIKSELLS BOKTRY CKERI-AKTIEBOLAG

INHALTVERZEICHNIS.

Seite

Kap. I. Die verschiedenen Arten des Textilmaterials . 1 1

» II. Schlichte Stoffe aus Flachs und Hanf, FH i 11 14

Plissierungen, S. 16.

» III. Wollstoffe, W 1— 45 . 18

Das Wollmaterial, S. 18 Die Wollstoffe, S. ig. Gruppe I, grobe Stoffe, W 1-9, S . 20.

Gruppe II, gemusterte Köpergewebe zarter Qualität, S. 22: Vierbindige Stoffe, W 10- 13; Dreibindige Stoffe, W 14-21; Über die Technik der gemusterten Köperstoffe. Gruppe III, Rips und andere Gewebe in Leinwandbindung zarter Qualität, W 22-33,

S. 34. Gruppe IV, schlichte Stoffe in Köperbindung, W 34-45, S. 37. Über die Herkunft der feinen Wollstoffe, S. 40 .

» IV. Mustergewebe aus Wolle und Flachs, M i 8 . 48

Gobelinartige Gewebe, M 1-3, S. 48. Broschierte Gewebe M 4-8, S. 55.

» V. Seidenstoffe, S i 5 58

» VI. Die verschiedenen Arten von Gold- und Silberfäden . 68

» VII. Bänder, B 1 28 . 75

Ein broschiertes Band ein echtes Gewebe, B i , S. 73.

Brettchenbänder, S. 76: Beschreibung der Birkatechnik, S. j8. Materialverwendung, S. 79.

Vielfarbigkeit, S . 81. Muster, S. 84. Katalogbeschreibung B 2-28, S. 85. Die Herkunft der Brettchenbänder, S. go : Technischer Überblick; Literarische Quellen, Muster und Material.

» VIII. Posamentierarbeiten, P i 27 . 99

» IX. Stickereien, St 1 33 . 106

Stielstich, St 1-4, S. 108. Ösenstich, St 5-15, S. log. Schlingenstich, St 16-33, IJ4- Zusammenfassung der Kapitel. VI-IX, S. 124.

» X. Verschiedene Arbeiten aus Wollgarn, D i 11 128

Schnüre, Flechten, Sprang u. a.

» XI. Reste aus Pelzwerk, Fellen und Kissen . 133

» XII. Die Tracht . 134

Quellen, S. 134. Das Birkamaterial, S. 136. Vergleichendes, S. 147. Zusammen¬ fassung. S. 132.

Grabregister in Anbetracht der textilen Überreste . 157

Tabelle . 176

Beilage I. Mikroskopische und chemische Untersuchungen von Hj. Ljungh 180

Beilage II. Mikroskopische Untersuchungen von I. Arwidsson . 185

Literaturverzeichnis . 187

Tafeln 1 40.

VORWORT.

Durch die von Hjalmar Stolpe auf der Insel Björkö im Mälar-See hauptsächlich in den Jahren 1871 1879 und 1881 vorgenommenen Untersuchungen konnte mit aller Bestimmtheit festgestellt werden, dass die aus den zeitgenössischen Quellen bekannte Handelsstadt Birka, das kommerzielle Zentrum Schwedens in der Wikinger¬ zeit, auf der genannten Insel lag. Beinahe zwei Jahrhunderte lang, ungefähr von 800 bis 975 n. Chr. stand Birka in lebhaftem Verkehr sowohl mit Westeuropa, woher die ersten Missionäre in die Stadt kamen, als auch mit dem Orient über die Handels¬ wege durch Russland. Doch hat die Stadt bereits vor dem Jahre 1000 ihre Rolle offenbar ausgespielt. Die Untersuchungen Stolpes auf den Gräberfeldern wie auch in der sogenannten „Schwarzen Erde“, jenen Kulturschichten, die dort, wo sich einst die Stadt erhob, entstanden waren, ergaben ein mannigfaltiges und grosses Material, das uns die Möglichkeit gibt, uns eine Vorstellung von dem Leben in der ersten Han¬ delsstadt des schwedischen Reiches zu machen.

Im Jahre 1931 erhielt H. Arbman von der Kgl. Vitterhets Historie och Anti- kvitetsakademie den Auftrag zwecks vollständiger Veröffentlichung dieses wichtige archäologische Material zu bearbeiten. Bei der nun folgenden genauen Bestands¬ aufnahme hat man eine Menge textiler Reste, oft mit Erde bedeckt oder vermischt, entweder noch neben Metallgegenständen verschiedener Art liegend oder in beson¬ deren Schachteln verwahrt gefunden. Bis dahin hatten nur wenige Arbeiten aus Gold- und Silberfäden Beachtung erfahren und waren im Statens Historiska Museum aus¬ gestellt worden. Die so zum Vorschein gekommenen Textilfragmente waren sehr verschiedenartig, weshalb eine besondere Bearbeitung für notwendig erachtet wurde. Die Unterzeichnete, die anfänglich nur zur Beratung hinzugezogen wurde, konnte sich glücklich schätzen, diese interessante Aufgabe zugewiesen zu erhalten, deren Durchführung die ganze Zeit in enger Zusammenarbeit mit Dozent Arbman erfolgte.

Mehrere Gründe sprachen dafür, das Textilmaterial aus der Gesamtpublikation über die Gräber herauszuheben und daraus einen das Gesamtwerk ergänzenden Band zu bilden. Die Textilfragmente stellen nämlich eine Vielfalt verschiedener Techniken und Gattungen dar, von denen mehrere bisher wenig oder gar nicht bekannt sind. Das hat zur Folge, dass die erklärende Beschreibung viel ausführlicher werden musste, als dies für das andere archäologische Material nötig ist, wo eine feste Nomenklatur und auch ein reiches Material vorliegt, auf das man sich berufen

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WORWORT

kann. Ausserdem sind aus jener Zeit Textilien so selten und dieser grosse Komplex verschiedener Gegenstände so einzigartig, dass eine Spezialbehandlung allein deshalb wohl begründet erscheint. Leider muss man damit rechnen, dass bis zum Erscheinen des von Dozent Arbman verfassten Hauptteiles der Grabpublikation, Birka I II, noch etwa ein Jahr verstreichen wird, wodurch die vorliegende Arbeit bis zu einem gewissen Grade vorläufig unvollständig wird.

Bezüglich der Disposition der vorliegenden Arbeit und ihres Verhältnisses zu Birka I II sei hier Folgendes angeführt. Die verschiedenen technischen Gruppen werden in getrennten Kapiteln beschrieben, die teils eine generelle Behandlung und das Vorkommen der fraglichen Erscheinungen, teils einen Katalogteil enthalten. Jede Sache ist mit einem Buchstaben, der sich von der Gattung der in den betreffenden Kapiteln beschriebenen Gegenständen herleitet, und mit einer Ziffer bezeichnet. Diese Zeichen kehren im Grabregister wieder, das also eine direkte Ergänzung zu Birka I II bildet, aber auch durch seine ausführliche Lagebeschreibungen die Unter¬ lage für die Tabelle und das Kap. XII darstellt, wo unter Hinzuziehung auswärtigen Vergleichsmaterials die Beobachtungen über die Tracht vorgelegt werden.

Ich möchte diese Arbeit nicht abschliessen ohne einer angenehmen Pflicht nach¬ zukommen und allen jenen, die mich auf irgend eine Weise unterstützt haben, aufs herzlichste zu danken. Vor allem sei Dozent Holger Arbman genannt, mit dem sich in den verflossenen Jahren die Zusammenarbeit sowohl in historisch-archäologischen als auch in praktisch-redaktionellen Fragen usw. in der idealsten Weise gestaltete, eine Zusammenarbeit, die für mich persönlich äusserst lehrreich war und dem Arbeits¬ ergebnis zum allergrössten Nutzen gereichte. Reichsantiquar Sigurd Curman bin ich zu grossem Dank verpflichtet, dass er mir die Gelegenheit, diese Aufgabe auszu¬ führen, gegeben hat, sowie für das fördernde und anregende Interesse, das er meiner Arbeit stets entgegenbrachte. Mein wärmster Dank gilt auch allen anderen Beamten an der Vitterhets Historie och Antikvitets Akademie, die mir bereitwilligst ihre Unterstützung und wertvollen Ratschläge liehen. Für die sehr geschickte Arbeit bei den schwierigen photographischen Aufgaben möchte ich besonders den Herren H. Faith-Ell und N. Lagergren danken.

Ferner habe ich eine grosse Dankesschuld an Büroingenieur Hjalmar Ljungh, bei der Staatlichen Eisenbahnverwaltung in Stockholm, abzutragen, für die unverdros¬ sene Mühe, die er auf die Materialuntersuchung verwandte, und für das glühende Interesse, mit dem er ein für den Historiker brauchbares Untersuchungsresultat zu erreichen trachtete, sowie dem inzwischen verstorbenen Dozenten der Uppsala Uni¬ versität I. Arwidsson, der die zoologischen Bestimmungen einer Anzahl von Faser¬ proben durchgeführt hat.

Bei meinen Besuchen in fremden Sammlungen und Instituten fand ich das grösste Entgegenkommen für meine Studien, weshalb ich mir gestatte, allen, Genannten und Ungenannten, meinen wärmsten Dank auszusprechen. Besonders möchte ich meinem

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Kollegen auf diesem speziellen Forschungsgebiet Dr. phil. Björn Hougen, Konser¬ vator an der Oldsaksamling in Oslo, für die vielen aufschlussreichen Diskussionen und die Freigebigkeit, mit der er mir das Osebergmaterial für vergleichende Studien zur Verfügung gestellt hat, danken.

Schliesslich möchte ich Dr. jur. H. Patzelt aus Wien für die Übersetzung des Manuskriptes ins Deutsche und Fil. Kand. Frau Dagny Arbman für ihre wertvolle Hilfe im Korrekturlesen, Abfassen des Literaturverzeichnisses usw. herzlich danken.

Für ein geschicktes Durchführen der typographischen Arbeit bin ich der Firma Almqvist & Wikseil sehr verbunden.

Stockholm im März 1938.

Agnes Geijer.

I.

DIE VERSCHIEDENEN ARTEN DES TEXTILMATERIALS.

Die in den Birkagräbern aufgefundenen Fragmente von Textilien sind aus verschiedenem Fadenmaterial erzeugt und zwar aus Wolle, Flachs, Hanf, Seide, Gold und Silber. Ausserdem wurden Reste von Pelzen verschiedener Tiere Eichhörnchen, Marder, Biber und Schaf gefunden, die höchstwahrschein¬ lich zu den Kleidern gehört, daneben auch Entenfedern, die vermutlich als Polster¬ füllungen gedient haben.

Um eine völlig zuverlässige Bestimmung des Textilmaterials zu erhalten und womöglich aus dem Material selbst Richtlinien für ein Urteil über den Ursprung der Textilwaren zu gewinnen, haben wir uns am Büroingenieur der Staatlichen Eisenbahnverwaltung, Stockholm, Hj. Ljungh gewandt, der sich seit langem mit derartigen Fragen beschäftigt. Unter den in den Birkafunden vorhandenen Textilien wurde eine Auswahl getroffen und diese Proben wurden dann einer Reihe von äusserst sorgfältigen und zeitraubenden chemisch-mikroskopischen Untersuchungen unterzogen, die in mehreren Fällen bemerkenswerte und interessante Resultate ge¬ zeitigt haben. Ein vollständiger Bericht über die Untersuchungen Ljunghs ist in einer besonderen Beilage (I) wiedergegeben.

Ausserdem hat der inzwischen verstorbene Dozent der Uppsala-Universität I. Ar- widsson mikroskopische Untersuchungen an einer Anzahl von Haar- und Federpro¬ ben durchgeführt, wodurch es ihm gelungen ist, die verschiedenen Arten zu bestim¬ men. In Beilage II findet sich ein ausführliches Verzeichnis dieser Untersuchungen.

Durch genaue Vergleiche mit den untersuchten Proben konnte sodann das übrige Material bestimmt werden.

Zahlreiche, verschiedenartige Sorten von Textilmaterial wurden uns in mehr oder weniger fragmentarischer Verfassung erhalten, sobald sie in den Gräbern bei Metallgegenständen lagen, die den Textilien auf irgendeine Weise als Schutz ge¬ dient haben. In erster Linie ist es der Bronze und dem Silber zu verdanken, dass uns die Kenntnis von derartigen Gegenständen vermittelt werden konnte. Denn durch die Jonisierung und Zersetzung dieser Metalle sowie durch die sich anschliessende Salzbildung sind Substanzen entstanden, die die Eigenschaft haben, direkt konser¬ vierend auf gewisse Textilfasern einzuwirken, die dadurch ihre ursprüngliche Struk¬ tur und Weiche hier und da einigermassen beibehalten konnten.

ERSTES KAPITEL

I 2

Dagegen sind die Farben in den meisten Fällen zu Grunde gegangen und nur, soweit schwache Nuancen verschiedener Farbtöne und insbesonders kleine Reste von noch reaktionsfähigen Farbstoffen vorhanden sind, kann man in einigen Fällen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit das ursprüngliche Aussehen erschliessen.

Doch auch unter günstigen Verhältnissen wenn die Stoffreste in enger Berüh¬ rung mit solchen Metallgegenständen lagen sind uns hauptsächlich nur die tie¬ rischen Textilfasern, Wolle und Seide, einigermassen erhalten geblieben, während die Gewebe aus Pflanzenfasern Flachs und Hanf in der Regel nur als äusserst kleine Fragmente in einem Zustand weit vorgeschrittener Verwitterung vorzufinden sind, so dass sie alle Weichheit und Elastizität verloren haben. Nur in einigen seltenen Ausnahmsfällen haben besonders glückliche Umstände Leinenstoffe unversehrt er¬ halten.

Auch in enger Berührung mit Eisengegenständen sind bisweilen kleinere Textil¬ reste erhalten geblieben, doch hat der Rost leider die von unserem Standpunkt aus ungünstige Eigenschaft, die Fasern zum Aufquellen1 zu bringen, worauf sich das Ganze verhärtet. Die Gewebe bekommen hierdurch eine ganz andere Flächen¬ struktur, weshalb sie oft schwer zu erkennen sind (die Farbe verändert sich ja voll¬ ständig), ganz besonders auch deswegen, weil sich ihr organischer Charakter so weit ändert, dass die mikroskopische Untersuchung gewöhnlich kein sicheres Resultat ergeben kann.

Was nun die Gold- und Silberfäden betrifft, die in grossem Umfang bei den Textilarbeiten Verwendung finden, so liegen die Dinge folgendermassen.

Der Zustand des Silberfadens wechselt je nach dem im Grab herrschenden Feuch¬ tigkeitsgrad und dem stärkeren oder schwächeren Auftreten von Erdsäuren. Biswei¬ len kann das Silber recht gut erhalten sein, bisweilen ist es beinahe ganz zersetzt und zu einer violettweissen Masse verwandelt, die nur dank der sie umgebenden Seiden¬ fäden nicht verstreut wurde. Als Regel kann man gelten lassen, dass je stärker die Oxydierung ist, desto besser ist das übrige Textilmaterial erhalten.

Das reine Gold dagegen verändert sich ja unter der chemischen Einwirkung von Erdsäuren u. dgl. nicht und hat daher gewöhnlich seinen Glanz behalten. Andrer¬ seits hat es aber nicht, wie das Silber, irgendwelche Salze abgesondert, die den Stoff oder die Textilfäden, mit welchen es ursprünglich verarbeitet war, hätten konser¬ vieren können.

Uber die Art der verschiedenen Textilmaterialien wird im Zusammenhang mit der Behandlung der betreffenden Techniken eingehend berichtet werden. Hier sei je¬ doch bereits ein Punkt hervorgehoben, der in gleichem Masse alle Kapitel betrifft, nämlich die Bezeichnung für das Spinnen und die Drehung des Fadens. In dieser Hinsicht herrscht in der internationalen Literatur ein bedauerlicher Wirrwarr, der in vielen Fällen Unklarheit und ärgerliche Missverständnisse verursacht, da die be-

1 nachdem sich zuerst Ferrohydroxyd bildet, das durch weitere Oxydation in Ferrihydroxyd übergeht.

DAS TEXTILMATERIAL

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treffenden Verfasser nicht angeben, was sie mit ihren Bezeichnungen meinen. Der Grund hiezu liegt in gewissen Fällen darin, dass die jeweiligen Verfasser von der praktischen Arbeitsweise, d. h. wie die Spinnwirtel gedreht wird, ausgegangen sind.1 Manchmal aber nicht immer läuft nämlich die Spinnrichtung des Fadens entgegengesetzt der Drehung der Spinnwirtel.2 Aber da diese Regel keineswegs allgemeingiltig ist, dürfte kein Zweifel darüber herrschen, dass die fragliche Be¬ zeichnung immer von dem fertigen Material ausgehen soll.

Die schematische Zeichnung Abb. i erklärt genau die Bedeutung der in dieser

a b c d

Abb . I. Schema zu Bezeichnung der Drehungsrichtung eines Fadens, a linksgesponnen, b rechtsgesponnen, c linksgezwirnt, d rechtsgezwirnt.

Arbeit vorkommenden Bezeichnungen. Ein einfacher Faden ist gesponnen. Ein zwei- oder mehrfädiger Faden ist gezwirnt, wobei zu beachten ist, dass die Drehungs¬ richtung beim Zwirnen immer entgegengesetzt der Drehungsrichtung beim Spinnen der einzelnen Fäden ist. Der Faden ist rechtsgesponnen bezw. rechtsgezwirnt, wenn die Drehungsrichtung mit der Sonnenbewegung geht, d. h. im Sinne des Uhr¬ zeigers, vorausgesetzt, dass er zwischen der Uhr und dem Arbeitenden gespannt ist. Die entgegengesetzte Richtung wird mit links bezeichnet.3

1 R. Pfister (Textiles de Palmyre, S. 22, und Revue des Arts asiat. VIII, 1934, S. 81) macht auch geltend, dass nur die eine Drehungsrichtung beim Spinnen gleichzeitig in einem und demselben Gebiet vorgekommen ist ver¬ schiedene Spinnrichtung würde also auf verschiedenen Ursprung hindeuten. Wie verfehlt es ist, sich auf eine solche Hypothese zu stützen, geht klar aus dem genaueren Studium des vorliegenden Materials sowie des nordischen Tex¬ tilhandwerks überhaupt hervor. Es kann hinzugefügt werden, dass die Giltigkeit dieser Regel auf einige der primi¬ tiven Indianerstämme, die von Nordenskiöld beobachtet wurden, zutrifft, jedoch nicht auf alle. Auf die nord- und mit¬ teleuropäische Steinzeit kann diese Regel gar nicht angewendet werden, nach den in der Keramik erhaltenen Eindrücken von Schnüren in verschiedener Drehungsrichtung zu schliessen. (Otto Frödin und Erland Nordenskiöld: Über Zwir¬ nen und Spinnen bei den Indianern Südamerikas, Göteborg 1918, S. 61 ff.)

2 R. Jirlow, Sländspinning i Sverige, Svenska Kulturbilder Bd. 5, S. 1 12. Die verschiedenen Resultate hängen auch davon ab, in welcher Lage die Werkzeuge und das Gespinst gehalten werden.

3 In der letzten Zeit wurde eine Bezeichnung eingeführt, die von der Übereinstimmung des fertiggedrehten Fadens mit den Diagonallinien der Buchstaben S und Z abgeleitet wird: S-gedreht = rechtsgedreht, Z-gedreht = linksgedreht (Deutsche Normen, Mai 1936). Ich bedaure, dass ich dieses praktische Bezeichnungssystem nicht früher kannte.

II.

SCHLICHTE STOFFE AUS FLACHS UND HANF.

Die Pflanzenfasern sind, wie oben hervorgehoben wurde, bedeutend weniger widerstandsfähig gegen Verwitterung als die tierischen Fasern. Es haben sich daher nur kleine, äusserst brüchige und beschädigte Fragmente im Schutz von Metallgegenständen erhalten. Reste davon sind in zirka 70 Gräbern konstatiert worden. Mit einer (undeutlichen) Ausnahme sind es lauter zweibindige Gewebe; im allgemeinen relativ zart und gleichmässig abgewogen (d. h. die Fadendichte ist in der Kette und im Schuss ungefähr gleich). Die Zahl der Fäden variiert zwischen 15 und 20 per cm in jeder Richtung. Weniger häufig hat die Bindung Ripscharakter mit einem Fadenverhältnis von zirka 10x20.

Die beiden verschiedenen Materialien Flachs und Hanf konnten erst mit Hilfe der mikrochemischen Analysen festgestellt werden. Dem blossen Auge erscheinen sie so ähnlich, dass ich in einzelnen Fällen nicht zu entscheiden wage, was von beiden vorliegt. Nach den analysierten Proben zu urteilen, sieht es aus, als ob die Stoffe aus Hanf dünner und schütterer wären und ihr Fasernmaterial sich mehr verändert hätte als das der Stoffe aus Flachs. Die zweibindigen Stoffe, die in einer Menge ovaler Spangen in wechselnder Stärke Vorkommen, ähneln jenen, deren Material als Flachs bestimmt wurde. Die Farbe dieser Stoffe ist in der Regel hell, jetzt mehr oder weniger stark rostgefärbt. In den seltenen Fällen, da man die Spinnrichtung erkennen konnte, war es Linksrichtung. Diese Feststellung stimmt mit einem Schnurstückchen überein, das sich im Innern einer Bronzeperle in Grab 854 unversehrt erhalten hat: die Schnur ist aus 3 Zwirnen mit Rechtsdrehung verfertigt, jeder der Zwirne ist aus zweifachem, linksgesponnenem Fäden gezwirnt.

Die Menge ovaler Spangen in über 50 Gräbern in denen Reste von solchen Leinenkleidern erhalten sind, berechtigen uns zur Annahme, dass diese Stoffe in der Regel einfarbig waren, und zwar weiss oder naturfarbig. Einige Exemplare waren aber deutlich blau gefärbt. Nur ein kleines Fragment aus kleinkariertem Stoff, FH 7, ist erhalten, welches beweist, dass man sich auch dieser Art bediente, ein glattes Ge¬ webe mittels verschiedenfarbiger Fäden zu mustern.

FH 1. Grab 465 A. Taf. 3: 2. Leinenstoff, verrostetes Fragment, erhalten an der Eisennadel einer Bronze- spange. Fadendichte per cm ungefähr 15 X 18. Wahrscheinlich Linksdrehung. Typische Leinenstruktur mit etwas ungleichmässigen Fäden, besonders in der einen Richtung, welche wahrscheinlich den Schuss darstellt. Analysiert als Flachs (Beilage 1).

SCHLICHTE STOFFE AUS FLACHS UND HANF

FH 2. Grab 466. Taf. 3:3. Leinenstoff, die Fragmente in einer Spange erhalten und nicht durch Rost verhärtet. Dichtes zweibindiges Gewebe, deutlich linksgesponnenes Garn. Die Fadendichte per cm 20 X 15, das erste Fadensystem ist zart und gleichmässig, das andere gröber und ungleichmässig.

FH 3. Grab 619. Taf. 3:4. Leinenstoff, gleichmässig abgewogene Leinwandbindung aus gleichmässigen dünnen Fäden. Schütter. Fadendichte 16 cm in beiden Richtungen. Analysiert als Flachs (Beilage 1).

FH 4. Grab 837. Schütteres, zweibindiges Gewebe, sehr unscheinbare und brüchige Fragmente. Die Fäden sehr dünn und gleichsam miteinander verschmolzen. Die Fäden können nicht gezählt werden, dürften jedoch nicht mehr als 20 per cm sein. Analysiert als Hanf (Beilage 1).

FH 5. Grab 619. Taf 3:7. Fragmente aus schütterem Stoff in dunkler Farbe mit undeutlicher Köper¬ textur (vierbindig ?), ganz in der Nähe von Resten eines Biberfells liegend, die an einer Spange erhalten sind. Ungefähre Fadendichte wenigstens 15 per cm. Analysiert als Hanf (Beilage 1).

FH 6. Grab 847. Zweibindiges Gewebe. Jetzt kaum merkbare Fragmente, am ähnlichsten FH 1 2. Analysiert als Hanf.

FH 7. Grab 757. Taf. 3:6. Kleinkarierter Leinen(?)-stoff, Leinwandbindung, Fadendichte ca. 20X20 per cm. In beiden Richtungen 5 6 blaugrüne Fäden, abwechselnd mit einem weissen oder rötlichen. Die F ragmente äusserst klein und brüchig.

FH 8. Grab 60 A. Leinenstoff, grobes Ripsgewebe in hellbrauner Farbe. Linksgesponnenes Garn. Die eine Richtung (die Kette?) etwas zarter und schütterer: 5 Fäden per cm; die andere gröber: 10 12 Fäden per cm.

FH 9. Grab 466. Taf. 3:1. Leinenstoff in hellbrauner Farbe. Ripsbindung wie FH 8, aber feiner. Fa¬ dendichte ungefähr 8 X 22 per cm.

FH 10. Grab 60 A. Leinenstoff, gleichmässig abgewogene dichte Leinwandbindung, die Fäden etwas ungleichmässig, linksgesponnen. Fadendichte per cm 15X17. Blauer Farbton, ursprünglich oder durch Bronze verursacht, sowie kleinere Rostflecke.

FH 11. Grab 60 A. Hanfstoff (?). Schüttere Leinwandbindung, zarte Fäden, 18 20 Stück per cm in beiden Richtungen. Dunkle grünblaue Farbe. Kleine Fragmente.

Erdfunde von Leinen sind ja im Norden äusserst selten. In der Regel ist es nur durch sonst unerklärlichen Aushöhlungen oder Unvollständigkeiten in den erhaltenen Woll- oder Seidentextilien möglich, auf die einstmalige Existenz von Leinen in den verschiedenen Funden zu schliessen. Die schweizerischen Pfahlbaufunde bilden ja infolge ihrer besonders gearteten Konservierungsverhältnisse hierin eine erfreuliche Ausnahme.

Mehrere Quellen bezeugen ja, dass die Germanen Flachs anbauten. Sowohl Pli— nius wie auch Strabo und Tacitus berichten von den prachtvollen (?) Leinenkleidern der germanischen Frauen. Während der Zeit Karls des Grossen trugen sowohl der

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ZWEITES KAPITEL

Kaiser als auch die vornehmen Franken Leinenwäsche; aber dies wurde offenbar als ein gewisser Luxus betrachtet.1 Wolle war billiger. In Friesland entsprach i kg Flachs 3 kg Wolle dem Preise nach2 und ausserdem ist ja Flachs bedeutend schwerer als Wolle. Das Wertverhältnis hat sich im Norden in derselben Richtung bewegt.3

Bezüglich des Vorkommens und der Verwendung des Planfes sind die Angaben spärlicher. Eine Hanfschnur unter den neolithischen Pfahlbaufunden vom Thaingau lässt indessen das früzeitige Vorkommen des Hanfes in Europa erkennen.4 Die alten nordischen Gesetze geben deutlich zu erkennen, dass der Hanfbau ebenso wie der Flachsbau am Ende der Vorzeit im Norden heimisch war. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Hanf damals ebenso wie jetzt, für gröbere Gewebe und zum Sticken verwendet wurde5 6, während die in Birka festgestellten Hanfstoffe ausserordentlich zart und dünn gewesen zu sein scheinen. Man muss sich fragen, ob die letzteren nicht doch aus dem Orient stammen, wo vielleicht dieselbe Pflanze einen anderen Charakter hatte als die im Norden angebaute.

Hier dürfte der beste Platz dafür sein, um über die Vorgefundenen Reste an Plissie¬ rungen oder Gaujfrierungen zu berichten (Taf. i, 2 u. 3). Der Stoff ist mit Rost durchsetzt, verhärtet und spröde, aber es kann kein Zweifel darüber herrschen, dass das Material ursprünglich Flachs war. Die best erhaltenen Proben sind an der Innen¬ seite der Spangen zu finden, wo sie recht gut gegen Zerreiben bewahrt wurden.

Die Plissierung ist äusserst fein und ehenmässig sowie durchgängig gleichartig durchgeführt. Der Stoff liegt in sehr kleinen, ebenmässigen Stehfalten von 2 3 mm Tiefe. Die Falten sind rund; der Durchschnitt bildet eine zusammengedrückte Wellenlinie. Gerade diese Struktur beweist, dass die Fältelung nicht (wie in späterer Zeit) durch ein Eisen oder irgendeinen harten Gegenstand erreicht wurde, der die Falten scharf gemacht hätte.

Das Verfahren muss ungefähr folgendes gewesen sein: Erst hat man mit Nadel und Zwirn in geraden Linien, parallel und recht weit voneinander, kleine, gleichmäs- sige Stiche in den Stoff genäht. Dann hat man die Fäden zugezogen, sodass der Stoff stark gefaltet wurde. Durch Strecken in der anderen Richtung werden die Falten parallel und zusammenhängend. Nachdem man das Ganze mit Wasser be¬ feuchtet und in der Lage, die durch Strecken des Stoffes und weiteres Zuziehen der Fäden fixiert wurde, hat trocknen lassen, ist die Plissierung fertig und die Fäden kön¬ nen herausgezogen werden. Die Methode eignet sich besonders für Leinenstoff, der nach dem Trocknen immer etwas steif wird und sein Form gut beibehält.

Aussehen und Lage ergibt sich aus den Bildern. Die 5 Gräber, in denen solche

1 G. Girke, Die Tracht der Germanen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, II, S. 13 resp. 35.

2 Kletler, Nord Westeuropas Verkehr, Handel und Gewerbe im frühen Mittelalter, S. 108.

3 Hj. Falk, Altwestnordische Kleiderkunde, Kristiania 1919, S. 62.

4 Eberts Reallexikon: Hanf. Vgl. die Angaben über Flachs und Hanf bei Gertrud Sage, Gewebereste auf vorge¬

schichtlichen Eisengeräten in Schlesien, Altschlesien Bd. 4.

6 Hj. Falk, a. a. O., S. 3, 5 u. 64.

SCHLICHTE STOFFE AUS FLACHS UND HANF

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Reste festgestellt wurden, sind weibliche: Nr. 517, 950, 980, 1062, 1084. In den Spangen liegen die Falten ungefähr parallel mit der Längsrichtung der Spangen; sie sollten also von den Schultern herabfallen, was ja am natürlichsten erscheint. An einer Schere festgerostete Reste deuten vielleicht an, dass das plissierte, leinene Klei¬ dungsstück recht lang war. Vergleiche weiters das Kapitel über die Kleidung und das Grabregister.

Bezüglich der Plissierungsmethode selbst seien hier folgende Tatsachen hervor¬ gehoben, die ich erst erkannte, nachdem mir das obenbeschriebene Verfahren klar geworden war. In Südost-Finnland (bes. Karelen) und Estland (Dagö) wird das Fadenverfahren oft für Röcke, auch solche aus Wolle, verwendet. Der so zugerichtete Rock, der am ehesten einer riesengrossen Wurst gleicht, wird in w'arme Presse gelegt, entweder unten ins Bett oder zwischen Bretter und warmem Brot, das eben aus dem Backofen kommt. In Karelen wird diese Technik, auch sehr fein aus Leinenstoff ausgeführt, in Verbindung mit Stickerei verwendet.1 Bemerkenswerter Weise kommt diese Methode dagegen nicht bei der Bauernbevölkerung Schwedens vor. Die hier¬ zulande an verschiedenen Orten verwendeten plissierten Röcke sind auf ganz andere Art behandelt.2

1 Diese Angaben verdanke ich Magister Tyyni Vahter, Intendent am Finnlands Nationalmuseum, und Magister Aino Nissinen, Helsingfors. Vgl. auch Sirelius, Suomen kansanomaista kulttuuria, S. 104, und Manninen, Geschichte der estnischen Volkstracht, Eesti rahva museumi astaraamat III, S. 498 und Abb. 235.

2 Laut Angabe Frau Gunnel Hazelius-Berg, Amanuens am Nordiska Museet in Stockholm.

2 37823. Birka III.

III.

WOLLSTOFFE.

Das JVollmateriaL

Das erhaltene Textilmaterial besteht natürlich hauptsächlich aus Wolle und Wollgeweben und es liegt die Annahme nahe, dass dies auch ursprünglich der Fall war. Die erhaltenen Stoffreste gehören einer Menge verschieden¬ artiger Sorten an und häufig finden wir mehrere Schichten von unähnlichen Geweben übereinander.

Die Materialuntersuchungen haben, was den Charakter der Wolle betrifft, sehr interessante Resultate gezeitigt, auf die wir später zurückkommen werden. Betref¬ fend Farbe und Färbung muss man sich mit Wahrscheinlichkeitsbestimmungen zufrieden geben; die Textilfasern sind ja vielfältigen chemischen und anderen Ein¬ flüssen ausgesetzt gewesen und die mikrochemische Untersuchung kann leider nicht bestimmt entscheiden, was ursprünglich und was sekundär ist. Die Mehrzahl der Textilfragmente zeigt einen dunkleren oder helleren schwarzbraunen Farbton, der viele, nicht einmal im Mikroskop erkennbare Farben verbergen kann. Einzelne Frag¬ mente zeigen einen blaugrünen Ton, der zwar als Zeichen einer ursprünglich blauen Farbe gedeutet werden kann, der jedoch in manchen Fällen sekundärer Natur ist, verursacht durch Grünspan der anliegenden Bronze-Schmuckstücke, der ja, wie oben hervorgehoben wurde, ein ausgezeichnetes Konservierungsmittel war. Welche Schlussfolgerungen man in dieser Hinsicht aus den chemischen Untersuchungen zie¬ hen kann, diese Frage muss ich vorderhand offen lassen. Schliesslich kann man in einigen wenigen Fällen deutlich verschiedene Farbtöne gleichzeitig unterscheiden, die, wenn auch mehr oder weniger bräunlich angehaucht, ins Rote, Blauschwarze, Gelbgrüne oder Weisse spielen. Dass diese Gewebe ursprünglich vielfarbig gewesen sind, darüber herrscht also kein Zweifel, doch welche Farben es waren, lässt sich nicht genau sagen.

Mit Rücksicht auf die Technik und die Verwendung können die Wollgewebe in zwei Hauptgruppen eingeteilt werden. Die eine Gruppe, W (= Wollstoffe), um¬ fasst Stoffe in eigentlicher Bedeutung, entsprechend unserem Begriff Meterware in Leinwand- oder Köperbindungen, deren eventuelle Muster sich mechanisch wieder¬ holen. Zu der anderen Gruppe, M (= Mustergewebe), gehören Gewebe bestimmter Grösse mit darauf abgestimmtem Muster, das vom technischen Standpunkt aus nicht

WOLLSTOFFE 1 9

regelmässig sein muss und in der Regel in einer Technik ausgeführt ist, die ein freie¬ res und individuelleres Verfahren gestattet als das für Stoffe.

Das Garn ist in den Wollstoffen in der Regel einfädig, während die Mustergewebe häufig aus gezwirntem d. h. zweifädigem Garn hergestellt sind. Bezüglich der Be¬ zeichnung der Spinnrichtung sei auf S. 13 verwiesen.

DIE WOLLSTOFFE.

Bei Durchsicht der mehr oder weniger fragmentarischen Reste von Wollstoffen zerfallen diese von selbst in 5 oder besser in 4 Gruppen, ziemlich scharf von einander abgegrenzt.

Vor allem stehen zwei Gruppen einander gegenüber, die sich ohne weiters als einheimisches Erzeugnis und Import etikettieren lassen. Auf der einen Seite einige äusserst grobe und primitive Gewebe ungef. 20 St., Typus W 1 W 9 haupt¬ sächlich zweibindig und dem Aussehen nach aus einer charakteristischen, rauhen und ungleichmässig gesponnenen, nicht selten etwas verfilzten Wolle hergestellt. Die andere Gruppe, Typus W 10 21, die sehr reich vertreten ist in den Birka- gräbern 56 Mal beobachtet besteht aus ausserordentlich feinen Stoffen, geschickt und ebenmässiger gearbeitet, mit wechselnden Bindungen, drei- oder vierbindigen Köpervarianten. Das Garnmaterial dieser Stoffe ist auffallend einheitlich. Der Faden ist fest und gleichmässig gesponnen, ohne Spur von Verfilzung, wodurch die Textur des Gewebes deutlich hervortritt. Der Feinheitsgrad dieser Stoffe ist verblüffend hoch; nicht selten übertrifft er bedeutend den der feinsten unserer heutigen Woll¬ stoffe, z.B. des Musselins. Diese Gewebe zeigen einen so hohen Standard an eben¬ mässiger Arbeit, dass sie nur das Resultat einer im grossen Stil betriebenen gewerb¬ lichen Erzeugung sein können, die sicherlich ausserhalb skandinavischen Gebietes beheimatet gewesen sein muss. Auch der durch die mikroskopische Untersuchung festgestellte Charakter des Wollmaterials weist deutlich auf Erzeugungsstätten im Ausland hin.

Zwischen diesen zweifellos einheitlichen Gruppen stehen weiters zwei, die beide wahrscheinlich sowohl einheimische als auch importierte Waren in sich schliessen. Die Verschiedenheiten innerhalb dieser Gruppen sind jedoch allzu verschwommen, die Besonderheiten zu relativ, als dass man eine weitere Unterteilung wagen könnte.

Mit der Zahl III wollen wir eine Gruppe von Ripsgeweben bezeichnen, d. h. einfachen zweibindigen Geweben, wo das eine Fadensystem überwiegt und wesent¬ lich dichter ist als das andere. Die feinsten unter diesen W 22 26, vielleicht bis W 30 können wegen ihres ebenmässigen glatten Garnes und des Charakters der Wolle (Beil. I) sicher für Importware angesehen werden, während gröberen Exemplaren dieser Gruppe diese und im übrigen auch andere mehr hervorstechende Eigenschaften abgehen.

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DRITTES KAPITEL

Gruppe IV schliesslich umfasst eine recht grosse Anzahl einfacher vierbindiger Köpergewebe (W 34 45; ein St. dreibindig), also ohne jene Musterungen, die in der Gruppe II zu finden sind. So gut wie alle diese Köperstoffe haben eine wollige und weiche Oberfläche, deren Charakter dem heutigen „homespun“ und „tweed“ gleichkommt. Oft weisen die Stoffstücke deutliche Walkspuren auf. Der Faden der Kette und des Schusses ist in demselben Stoff oft verschieden fest gesponnen.

Gruppe I. Grobe Stoffe.

Die unter den Zeichen W 1 9 beschriebenen Gewebefragmente sind von aller¬ einfachster und dürftigster Art, sowohl was die Qualität der Wolle als die Ausführung der Spinn- und Webarbeit betrifft. An und für sich hindert dies ja nicht, dass solche Gewebe an irgendeinem beliebigen Platz erzeugt worden sein können, aber die Be¬ schaffenheit der Wolle deutet darauf hin, dass sie einheimisch sind.

Dem Aussehen nach ist das Woll- und Garnmaterial recht einheitlich, grob und dabei sowohl hart als auch spröde und ohne Glanz. Im Vergleich mit den feineren Wollgeweben, die in derselben Erde erhalten geblieben sind, erscheint die betreffende Wolle eigentümlicherweise weniger wiederstandsfähig gegen Vermoderung. Diese groben Fragmente sind samt und sonders sehr schlecht erhalten, das Garn hat seine Weichheit verloren und zerfällt bei der geringsten Berührung fast zu Staub, während andrerseits die Stoffe der drei übrigen Gruppen verhältnismässig kräftig sind. Im feuchten Zustand können die letzteren eine verhältnismässig kräftige Beanspruchung vertragen. Teilweise kann dies ja davon kommen, dass sich die letzteren im Schutz der grossen ovalen Bronzespangen oft besser erhalten haben. Die Beobachtung trifft jedoch andrerseits auf eine solch grosse Zahl gleichartiger Fundumstände zu, dass man zu der Ansicht kommen muss, dass die Haltbarkeit in hohem Mass vom Woll- material selbst oder dessen Zubereitung abhängt.

In diesem Punkt gibt uns die mikrochemische Untersuchung keine Aufklärung. Die Fasern, die unter dem Mikroskop hervortreten, sind in den meisten Fällen mehr oder weniger beschädigt. Uber die Beschaffenheit der Wolle, erhalten wir dagegen ergiebigere Auskünfte. Die drei Exemplare dieser Gruppe, die analysiert wurden (W 1 , W 3 und W 7, Beil. I) sind alle im Grossen und Ganzen aus ausgesprochen gro¬ ber Wolle und ihre Epidermisschuppen kommen ihrem Charakter nach der Wolle der sogen, schwedischen Landrasse („svensk lantras“) recht nahe (Beil. I). Irgendeine absichtliche Färbung konnte nicht nachgewiesen werden, weshalb man, wenigstens bis auf weiteres, annehmen muss, dass der auftretende stark rötliche Ton von che¬ mischen Stoffen in der Erde herrührt.

Das Garn ist durchwegs nachlässig gesponnen. In den meisten Fällen kommen beide Spinnrichtungen vor. Der linksgesponnene Faden ist immer fester gedreht und wird also kräftiger, weshalb man annehmen muss, dass er die Kette geliefert hat. Irgendwelche Webekanten sind in dieser Gruppe nicht erhalten.

WOLLSTOFFE

2 I

Die Webetechnik war in 5 von den 7 beschriebenen Stücken Leinwandbindung, während die zwei besonders ungleichmässigen Gewebe W 6 und 7 zweifellos drei- resp. vierbindig sind, obwohl nachlässig und ungleichmässig gearbeitet. Die Lein¬ wandbindung ist gleichmässig abgewogen und schütter, gewöhnlich 3 5 Fäden per cm in beiden Richtungen. In den beiden Köperstoffen ist die Kette etwas dichter und zarter. Mit Ausnahme von W 2 sind sie alle so leicht zugeschlagen, dass sie durchsichtig sind, und es ist nicht zu sehen, ob man, wie bei Gruppe IV, die Gewebe absichtlich gekrimpt oder gewalkt hat, um sie fester und dichter zu machen. Gewiss ist die Oberfläche an mehreren Stellen sichtlich verfilzt; doch diese Verfilzung ist so ungleichmässig, dass sie kaum ursprünglich gewesen sein kann. Ob die Verfilzung nun entstand, während das Kleidungsstück in Gebrauch stand oder aber erst nach¬ dem es unter die Erde gelangt war, lässt sich nicht entscheiden.

W 1. Grab 834. Taf. 7:5. Zweibindiges Gewebe. Grob und schütter. Kette ziemlich festgesponnen mit Linksdrehung, 4 Fäden per cm. Schuss sehr lose und ungleichmässig mit Rechtsdrehung gesponnen, we¬ nigstens doppelt so dick wie die Kette, Fadendichte 3 per cm. Die Wolle sieht rauh und grob aus, aus der mikroskopischen Untersuchung erhellt ausgesprochene Übereinstimmung mit Wolle des nordischen Schafes. (Beil. I.) Farbe rotbraun. Auf der einen Seite zeigt das Stück (ungef. 5 x8 cm) eine klare zweibindige Tex¬ tur, auf der anderen Seite einen starken Flor (stellenweise ins Bläuliche spielend) ob durch Einarbeiten loser kurzer Fäden oder durch Aufkratzen hervorgerufen, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden.

W 2. Grab 904. Taf. 7 : 3. Zweibindiges Gewebe. Ebenmässig und dicht, aus grobem Garn, das für Kette und Schuss ungefähr gleich fest gesponnen ist. Das eine Fadensystem, wahrscheinlich die Kette, links¬ gesponnen, 5 Fäden per cm. Das andere rechtsgesponnen, 4 5 Fäden per cm. Farbe rotbraun. Auf der einen Seite deutliche Webetextur, auf der anderen Seite fleckenweise Verfilzung, wahrscheinlich nachträglich ent¬ standen.

W 3. Grab 943. Taf. 7:4. Zweibindiges Gewebe. Kette linksgesponnen, ziemlich fest, 6 7 Fäden per cm. Schuss loser und bedeutend gröber mit kaum bemerkbarer Rechtsdrehung, 3 4 Fäden per cm. Farbe hellbraun. Das Gewebe ist schütter, sieht aber aus, als wäre es stark gepresst. Die Wolle hat keinen Glanz, sieht sowohl rauh als auch brüchig aus, siehe Beil. I.

W 4. Grab 739. Zweibindiges Gewebe. Der Farbe und Beschaffenheit nach sehr ähnlich dem vorher¬ gehenden. Kette relativ fest, links gesponnen, 8 Fäden per cm. Schuss 4 per cm.

W 5. Grab 524. Taf. 7: 2. Zweibindiges Gewebe. Zwei kleine Fragmente in graubrauner Farbe, dem vorhergehenden ähnlich. Kette linksgesponnen, 5 6 Fäden per cm, Schuss sehr lose mit schwer zu bestim¬ mender Spinnrichtung, 4 Fäden per cm. Scheint an einer Stelle florartig. Vergleiche W 8 9.

W 6. Grab 835. Dreibindiger Köper, äusserst fragmentarisch. Kette ziemlich fest linksgesponnen, ca. 10 Fäden per cm. Unmöglich, die Spinnrichtung des Schusses zu bestimmen, 4 5 Fäden per cm. Farbe grau¬ braun. Das Material gleicht dem der beiden vorhergehenden.

W 7. Grab 517. Taf. 7:6. Vierbindiger Köper. Schütteres Gewebe in schwarzbrauner Farbe. Kette ziemlich fein, linksgesponnen, 6 Fäden per cm. Schuss grob und lose rechtsgesponnen, 3 4 Fäden per cm. Siehe Beil. I.

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DRITTES KAPITEL

W 8. Grab 955. Taf. 7:1. Genopptes oder florartiges Gewebe? Mehrere undeutliche Fragmente, die bei einer ringförmigen Spange lagen, aus grobem Wollgarn, in dem deutlich verschiedene Farbtöne zu be¬ merken sind: hellbraun, rötlich und bläulich. Auf der einen Seite, die der Spange zugewendet lag, ist ein gro¬ bes, schütteres, aber verworrenes Gewebe in drei- oder vierbindiger Textur zu sehen. Das Garn ist links¬ gesponnen. Auf der andern Seite liegen eine Menge Fadenendchen in verschiedenen Richtungen gepresst. Wie sie auf der Unterlage befestigt waren, lässt sich wegen der Brüchigkeit des Materials unmöglich ent¬ scheiden. Es erinnert an das als D 1 1 beschriebene Gewebe. An einzelnen Stellen ist zu sehen, wie der Schussfaden von der regelmässigen Bindung abbiegt und hängen bleibt.

W 9. Grab 736. Genopptes Gewebe? Ein sehr kleines Fragment, ungef. 3x1.5 cm. Auf der einen Seite undeutliche Leinwandbindung, auf der andern gleichsam Locken aus losem Wollgarn oder möglicherweise nur ungesponnener Wolle.

Gruppe II. Gemusterte Köpergewebe von zarter Qualität.

Diese Gruppe zerfällt in zwei Untergruppen, je nachdem ob die Stoffe drei- oder vierbindig sind. Abgesehen von diesem webetechnischen Merkmal gibt es noch andere Besonderheiten, die es uns geboten erscheinen lassen, jede dieser Grup¬ pen für sich zu beschreiben.

Die vierbindigen Gewebe, die in viel grösserer Menge Vorkommen, zeigen wenig Variationen. Der auf Taf. 4 abgebildete Diamant- oder Rautenköper kommt in so grosser Menge vor nur in Birka über 40 Mal , dass man von Standardware

sprechen kann. Die Varianten mit abweichender Bindung sind sehr gering. Un¬

ter den erhaltenen dreibindigen Stoffen ist hingegen keiner dem anderen ganz gleich.

Obwohl die Anzahl der Fäden per cm in der erstgenannten Sorte wechseln kann, so ist der Stoff doch fast immer gleich dicht und fest. Die Fadenanzahl steht in einem nahezu konstanten Verhältnis zum Feinheitsgrad des Fadens. Die dreibindigen Stoffe sind in der Regel zarter und dünner als die ersteren, weil das Fadenmaterial

noch feiner ist. Obwohl die Anzahl der Fäden per cm gegen 60 erreichen kann, so

liegen die verschiedenen Fäden nicht so dicht, dass sie nicht ein wenig Licht durch¬ lassen würden, was bei vierbindigen Stoffen beinahe niemals vorkommt.

Sowohl für die Kette wie für den Schuss ist das Garn in der Regel von derselben Sorte und demselben Feinheitsgrad: fest und gleichmässig linksgesponnen, auf¬ fallend frei von Wolligkeit oder Neigung zur Verfilzung, ähnlich dem, was wir heute Kammgarn nennen. Trotz des kleinen Masstabes tritt die Textur des Gewebes hierdurch immer sehr klar hervor.

Aus der Materialuntersuchung geht hervor, dass die Wolle weiss und im Grossen und Ganzen ausgesprochen feinhaarig ist. Obwohl der Feinheitsgrad bedeutend variiert, so stimmen die beiden untersuchten Stücke mit zwei weiteren Stoffproben (W 22 und W 37) der Gruppe III und IV, sowohl was Farbe und Qualität als auch den Charakter der Epidermisschuppen der Wollhaare betrifft, überein. Ein grosser

WOLLSTOFFE 23

Teil des Materials scheint blau gefärbt gewesen zu sein. Als Farbstoff wurde Fär¬ berwaid und Färberwau nachgewiesen.

Gemeinsam für beide Sorten ist die Methode, das Muster durch Drehung der Diagonalrichtung des Köpers zu bilden. Das Muster ist auf dem Kontrast zwischen rechts- und linksaufsteigenden Diagonalen aufgebaut. Dies erzielt man in erster Linie dadurch, dass die Kettenfäden in gewissen Intervallen „in Spitze“ eingezogen wer¬ den; hierdurch entsteht sogen. Spitzenköper. Weiter wird Abwechslung in den Mustereffekten während des Webens selbst in der Weise hervorgebracht, dass die Reihenfolge, in der die Schäfte gehoben werden (was im gewöhnlichen Webstuhl durch Treten geschieht) in Übereinstimmung mit der Litzeneinrichtung abwechselt.

Vierbindige Stoffe.

Das Bindungsschema der vierbindigen „Standardstoffe“ ist unveränderlich, wie aus Abb. 2 hervorgeht, nur die Dichte wechselt etwas. In dem einen Faden¬ system (das, wie sich gezeigt hat, den Schuss bildet) kann die Fadenzahl zwischen 12 und 20 wechseln, gewöhnlich bewegt sie sich jedoch um 15 16. Das andere Fadensystem (also die Kette), ist im Verhältnis zum Schuss immer besonders dicht. Die Fadenzahl ist hier mindestens 2 Mal, meistens ungefähr 2 xk Mal so dicht wie im Schuss. In der feinsten Qualität kann man ungefähr 55 Fäden per cm zählen. Folglich wird der Schuss beinahe ganz durch die Kette verdeckt. Die Schussfäden liegen straff gespannt und ziehen die Kettenfäden in kleine Wellen.

Sowohl für die Kette wie den Schuss ist das Garn von derselben Sorte und dem¬ selben Feinheitsgrad: gleichmässig und fest linksgesponnen, auffallend frei vonWol- ligkeit oder Neigung zu Verfilzung. Trotz des kleinen Masstabes tritt die Textur des Gewebes hierdurch immer erstaunlich klar hervor. Die Farbe ist in der Regel dunkel, gewöhnlich in einer grünblauen Tönung, die so gleichmässig ist, dass sie ursprünglich gewesen zu sein scheint und daher nicht vom Grünspan der Bronze¬ spange herrührt.

Technisch kann die Bindung als ein beidrechter, vierbindiger Rauten- oder ge¬ nauer Diamanten-Köper bezeichnet werden. In einem gewöhnlichen Webstuhl würde man das Rautenmuster teils dadurch zustande bringen, dass das laufende Einziehen der Litzen bei jedem 10. Faden umgekehrt wird (wodurch Spitzenköper gebildet wird), teils dadurch, dass die Litzenstäbe nach 10 Schüssen in umgekehrter Reihenfolge gehoben werden. Ob letzteres durch Treten oder auf andere Weise erreicht wurde, das brauchen wir vorderhand nicht erörtern. Wie aus dem Bindungs¬ diagramm hervorgeht, sind die Schäfte nicht in eine symmetrische Spitze eingerichtet, wie es sonst bei Spitzenköper und dgl. öfters der Fall ist. Die Einrichtung ist viel¬ mehr versetzt, was ein analoges Verhältnis für den Schuss nach sich zieht; das ist aber genau, was man auch Diamantköper nennen kann. Alle Kettenfäden kreuzen die Schussfäden in folgender Reihenfolge: über 2, unter 2, über 2, unter 2, über 1, unter 1 ; darauf nochmals über 2 und so fort in derselben Reihenfolge. Durch die

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DRITTES KAPITEL

versetzte Einrichtung im Verein mit der Dichte der Kette werden in der Schuss¬ richtung vertiefte Linien oder Rillen gebildet, die dem Gewebe ein charakteristisches Aussehen verleihen.

In einem kleinen Stoffstück ohne Webekanten festzustellen, was Kette oder Schuss ist, kann mitunter grosse Schwierigkeiten bereiten. Bezüglich der hier be¬ schriebenen Stoffsorte wäre man im ersten Augenblick dazu geneigt, die schütteren und straff gespannten Fäden für die Kette zu halten und die dicht liegenden, um die ersteren zusammengeschobenen, für den Schuss. Dies erscheint ja am natürlichsten.

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Abb. 2 4. Schema zu W 10 mit Anfangskante, zu W 12 und W II.

Die kleinen Pfeile zeigen, dass die betreffenden Buchten

gibt die

in Wirklichkeit weiter nach unten gezogen sind. Der grössere Pfeil Kettenrichtung an.

Wie eine wollene Kette mit einer Fadendichte vom 55 bis 60 Fäden per cm praktisch hätte funktionieren sollen, kann man sich kaum vorstellen.

Glücklicher Weise sind uns indessen einige Webekanten erhalten, aus denen man unbedenklich den richtigen Tatbestand folgern kann* Und dieser ist das gerade Gegenteil von dem, was man sich zuerst vorgestellt hat.

Die beiden erhaltenen Stücke der seitlichen Stoffkante sind freilich klein, Taf. 4: 2, doch sie zeigen ganz deutlich, dass die Bindung des Stoffes (d. i. die Fadenlage) ganz unverändert bis an die Aussenkante verläuft, wo der Schuss umkehrt. Ob jeder Faden regelmässig im nächstfolgenden Fach wiederkehrt oder ob mehrere Schiffchen abwechselnd gebraucht wurden, lässt sich nicht feststellen, weil das eine Stück so klein und das andere zum grossen Teil steif vor Rost ist.

Ausserdem wurden in zwei verschiedenen Gräbern Stücke einer Webekante ganz anderer Art gefunden, Taf. 4:3, deren Textur von der des übrigen Stoffes

WOLLSTOFFE

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gänzlich verschieden ist. Die Richtung des Rautenmusters zeigt, dass diese Webe¬ kanten im Webstuhl mit den eben beschriebenen Seitenkanten einen Winkel gebildet haben müssen. Die einzige Erklärung kann daher nur die sein, dass wir es hier mit der Anfangskante zu tun haben, d. h. jenem Teil, der an dem Warenbaum befestigt war. Das abweichende Aussehen dieses Börtchens erklärt sich daraus, dass es zu dem Zwecke hergestellt wurde, um die Kette zu ordnen, bevor sie eingezogen wurde. Trotz seiner technischen Finesse und der übrigen Unterschiede ist dieses Verfahren analog den primitiveren und den oft auffallenderen Webekanten, die an verschie¬ denen vorgeschichtlichen Textilfunden beobachtet wurden, angefangen bei den Kleidern der dänischen Bronzezeit über verschiedene Textilien aus der Völker¬ wanderungszeit und der jüngeren Eisenzeit bis zu den lappländischen „Rana“ der heutigen Zeit, ein Vergleich, auf den wir später (S. 29) noch zurückkommen werden. Vorerst sei unsere Webekante beschrieben.

Abb. 2 gibt ein schematisches Bild von der Lage der Fäden. Die Webekante selbst bildet gleichsam ein starkes Band, dessen 6 Kettenfäden von mehrfachem Garn gebildet werden. Der Schuss des Bandes (= Kette des Stoffes) ist ersichtlich auf zwei Schiffchen oder Knäuel verteilt gewesen, die jedes Mal gewechselt wurden, sobald man an der Kante angelangt war, (auf dem Bild oben). Diese Fadenbuchten binden einander und bilden gleichsam eine Flechte. In Wirklichkeit liegt diese nicht genau so, wie die schematische Zeichnung zeigt, sondern von der Kante entfernt, als ob die mit kleinen Pfeilen markierten Biegungen über den ersten dicken Ketten¬ faden heruntergezogen wären.

Der Faden, der die Kette des Gewebes bilden soll, wird in jedem Fach des Bandes doppelt eingezogen, vgl. unten auf Abb. 9. Hierdurch wird er am Rande enger zusammengeschoben, sodass die Webekante stärker und die Kette dichter wird.

W 10. Abb. 2. Der Diamantköper kommt in einer Reihe von Gräbern vor. Folgende beschriebene Stoff¬ fragmente sind Beispiele der verschiedenen Qualitäten, von der gröbsten bis zur feinsten, ä) Grab 523. Taf. 4:1. Dunkelbraun mit bläulichem Unterton. Fadendichte per cm 32X12.1

b) Grab 950. Ungleichmässiges Fragment von nahezu schwarzer Farbe. Fadendichte per cm 28x14.

c) Grab 597. Stück etwa 1 dm2, blauschwarz. Fadendichte per cm (36 38)xi4-

d) Grab 465 A. Stück etwa 3x4 cm mit seitlicher Webekante, stark mit Rost vermischt, ursprüngliche Farbe allen Anschein nach dunkelblau. Fadendichte per cm 38 Xi6.

e) Grab 521. Taf. 4: 2. Kleines Stück mit reichlich 2 cm seitlicher Webekante. Braune Farbe. Ketten¬ dichte am grössten nahe der Kante, 40 46 per cm. Schussdichte 15 Fäden per cm.

f) Grab 539. Fadendichte per cm 32x16.

g) Grab 838. Taf. 5:6. Stoffstück mit oberer Webekante, „Anfangskante“, 7 cm lang. Dunkelbraune Farbe, möglicherweise ursprünglich schwarz. Fadendichte per cm 40 X 15. Das in Rips hergestellte Börtchen ist 10 mm breit, im übrigen wie W 10 i (siehe unten). Etwa 1/a cm innerhalb des Börtchens ist der Stoff zu¬ rückgeschlagen, die Falte mit einer Reihe von Stielstichen niedergenäht (St 4) und die Aussenkante mit einer Wollschnur verziert.

1 Die Ziffern bezeichnen die Fadenanzahl in den beiden einander kreuzenden Fadensystemen, also die Ketten¬ dichte resp. die Schussdichte.

DRITTES KAPITEL

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h) Grab 539. Taf. 7:7. Kleine Fragmente, schwärzliche Grundfarbe. Fadendichte per cm 40x18.

i) Grab 507. Taf. 4:3. 2 ungefähr gleiche, etwa 4 cm lange Stoffstücke mit umgebogener oberer

Webekante. Dunkle blauschwarze Farbe. Fadendichte des Stoffes per cm etwa 55 resp. 20 21. Die An¬ fangskante, Abb. 2, ist 8 mm breit. Ihre Kette besteht aus 6 vierfachen Fäden. Der Schuss der Borte (= Kette des Stoffes) ist mit zwei getrennten Fäden eingezogen, die regelmässig an der Kante abwechseln und gleichsam eine Schnur bilden. Da der Schussfaden um die Kettenspanner (siehe unten ; Abb. 9 d und e.) hin und her gelaufen ist, kommt er in demselben Webfach hinein wie heraus. Die Kette der Anfangsborte wird ganz vom Schuss verdeckt, der also einen im Verhältnis zum Stoff groben Rips bildet. Bezüglich des Materials siehe Beil. I.

Stoffe derselben Sorte finden sich ausserdem in 38 Gräbern und zwar oft mehrere Qualitäten in dem¬ selben Grab.

Neben dieser unter W io a i beschriebenen Standardware gibt es drei Va¬ rianten, die teilweise mit der vorliegenden übereinstimmen. W 1 1 ist ähnlich mit dem Unterschied, dass der Bindungsrapport kleiner ist, Abb. 4. Die beiden Spitzen¬ köper sind, nach den oben beschriebenen Stoffen zu urteilen, Kettenwaren, weshalb die Köperwendung durch die Litzenvorrichtung bewirkt worden sein muss, ganz wie bei W 10. Auch hier ist die Einrichtung immer versetzt. Das „Treten“ erfolgt aber immer in derselben Reihenfolge. Die beiden Stoffe W 12 und 13 (Abb. 3, Taf. 4: 4 5), in denen die Kette wegen ihres etwas gröberen Garns dominiert, macht fast den Eindruck eines Atlasgewebes. Dies hat zur Folge, dass sich die tatsächliche Fadenläge sehr schwer feststellen lässt.

W 11. Grab 825. Taf. 4:6. Abb. 4. Diamantköper. Zwei gut erhaltene, beinahe ovale Stücke, etwa 9 12 cm, mit einigen langen losen Stichen zusammengeheftet. Farbe grünlich. Fadendichte per cm 36x16. Faden linksgesponnen und in Kette und Schuss von derselben Feinheit.

W 12. Grab 465 B. Taf. 4:4. Beidrechter, vierbindiger Spitzenköper. Der Bindungsrapport zeigt einen Köper, der bei jedem 10. bis 12. Faden umkehrt. Fadendichte per cm etwa 35 resp. 12. Das dichtere Fadensystem besteht aus einem etwas gröberen Faden als das schüttere. Der Faden ist linksgesponnen. Das Garn schiebt sich in der einen Köperrichtung enger zusammen als in der anderen, wodurch die Oberfläche ein leicht gestreiften Aussehen erhält.

W 13. Grab 602. Taf. 4: 5. Beidrechter, vierbindiger Spitzenköper. Ein kleines blauschwarzes Stück, etwa 3x3 cm. Der Stoff gleicht in Farbe und Qualität mehr den zarten dreibindigen als einem der übrigen vierbindigen Stoffe. Er ist etwas durchsichtig. Der Faden ist sehr fein und glatt. Fadendichte per cm nur 40 x 15. Analog dem W 10 ist das dichtere Fadensystem als Kette anzusehen. Der Schuss scheint hier wie in dem obigen Spitzenköper etwas feiner zu sein als die Kette. Doch Bestimmtes lässt sich hierüber nicht sagen.

Dreibindige Stoffe.

Diese kommen nicht so reichlich vor wie der oben beschriebene Diamantköper und dessen Varianten. Nur 9 Beispiele wurden gefunden.

Stattdessen sind sie viel zarter. Das Garn ist in der Regel so fein und ebenmässig wie die feinste Nähseide von heute. Bei einer Dichte von 50 60 Fäden per cm

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kann der Stoff doch weich und ein wenig durchsichtig sein. Bei den feinsten Exem¬ plaren ist die Oberfläche glatt und glänzend ohne eine Spur von Wolligkeit. Die Farbe ist in der Regel so dunkelblau, dass sie schwarz wirkt. Die chemische Unter¬ suchung hat Färberwaid als Farbstoff nachgewiesen.

Bis auf eine einzige Ausnahme sind alle zu dieser Gruppe gehörigen Stoffe als Rautenköper zu bezeichnen. Wie aus den nebenstehenden Diagrammen hervor¬ geht, wechseln die Bindungsrapporte bezüglich der Fadenzahl ein wenig. Die Um-

Abb. 5 6. Schema zu IV 16 und W ij.

Abb. 7 8. Schema zu IV 15 und IV 14.

kehr ist natürlich immer symmetrisch in einer Spitze eingezogen die Einrichtung zu versetzen, ist nämlich bei dreibindigem Köper nicht möglich.

Betrachtet man diese Stoffe mit blosssem Auge, so hebt sich die Rautenmusterung wenig ab. Statt dessen erkennt man zuerst ein kariertes Muster, durch die verschie¬ denen Schattierungen des rechts und links ansteigenden Köpers hervorgerufen.1

Die Frage, was Kette oder Schuss ist, kann in diesen Fällen für sich allein nicht beantwortet werden, weil nicht die geringste Spur einer Webekante erhalten ist.

1 Obzwar selbstverständlich, sei hier eine Tatsache hervorgehoben, die bei Bestimmung der Technik Missverständ¬ nisse zur Folge haben kann. Dreibindiger Köper ist ja nie beidrecht. Wenn die Oberseite KettenefFekt zeigt, erhält die Unterseite ein Aussehen, das Leinwandbindung täuschend ähnlich ist. Wenn das StofF-Fragment klein ist und an einem anderen Gegenstand sitzt, so kann dies eine Quelle von bedauerlichen Missverständnissen werden.

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DRITTES KAPITEL

Obwohl es auch bei diesen Stoffen das Natürlichste wäre, sich die Kette schütter und den Schuss dicht vorzustellen, so darf man doch nicht die Beweise für das Gegen-- teil ausser Acht lassen, die die erhaltenen Webekanten der vierbindigen Köper^ Stoffe beinhalten. Trotz der Verschiedenheiten zwischen den Hauptteilen der beiden Gruppen von gemusterten vier- und dreibindigen Geweben dürfte kein Zweifel darüber herrschen, dass sie zu derselben Produktion gehören. Die einzelnen „Zwi¬ schenglieder“ zwischen den verschiedenen Gruppen, z. B. W 13 und W 14 oder W 1 9, stellen nur weitere Beweise für die innere Zusammengehörigkeit aller Grup¬ pen dar. Da die Regel „Kette am dichtesten“ ihre Giltigkeit bei einem Ripsgewebe, das zufolge seines Materiales auf dieselbe Produktion zurückgeführt werden kann, erwiesen hat, darf man sie wohl auch bezüglich unserer dreibindigen Stoffe als be¬ wiesen ansehen.

Der Faden ist in den folgenden 8 Stoff-Fragmenten durchgehend linksgesponnen und gewöhnlich von demselben Feinheitsgrad in Kette und Schuss.

i

W 14. Grab 521. Taf. 5:1, Abb. 8. Dreibindiger Rautenköper. Verhältnismässig grobes, dichtes Ge¬ webe. Kleine Fragmente in grünem Farbton mit Rost vermischt. Fadendichte per cm 28 30 resp. 15—16.

W 15. Grab 71 i A. Taf. 5:4, Abb. 7. Dreibindiger Rautenköper. Kleine Fragmente von dunkel¬ brauner Farbe. Schütteres Gewebe. Fadendichte per cm 24x13.

W 16. Grab 466. Taf. 5: 5, Abb. 5. Dreibindiger Rautenköper. Der Stoff ist noch weich und schmieg¬ sam, ein wenig durchsichtig. Ausführung ausserordentlich ebenmässig und genau. Farbe dunkelblau, ips Grüne spielend. Mehrere Fragmente, eins 7 X3.5 cm. Fadendichte per cm 50x17.

W 17. Grab 838. Taf. 5:3, Abb. 6. Dreibindiger Rautenköper. Mehrere Fragmente in dunkler, ursprünglich schwarzer oder blauer Farbe. Fadendichte per cm 52 X 14. Muster sehr undeutlich.

W 18. Grab 839. Taf. 5:2. Dreibindiger Rautenköper. Etliche fragmentarische Stücke, das grösste 6x7 cm. Dichtes, ebenmässiges Gewebe in dunkler Farbe, die im nassen Zustand vollständig schwarz ist. Fadendichte per cm 36 X 15. Bindungsrapport ungefähr wie Abb. 8. Ein sehr ähnliches Fragment in Grab 968 gefunden.

W 19. Grab 857. Dreibindiger Rautenköper. Ein verhältnismässig grober und sehr dichter Stoff. Kleine Fragmente stark mit Rost vermischt, Grundfarbe scheint bläulich zu sein. Fadendichte per cm 36 X i2- Bindung wie W 14.

W 20. Grab 660. Dreibindiger Rautenköper. Kleine Fragmente in dunkelbrauner Farbe. Fadendichte per cm 55 60x17. Der vollständige Bindungsrapport konnte wegen der Kleinheit des Fragmentes nicht rekonstruiert werden, er scheint jedoch mit Abb. 5 übereingestimmt zu haben, obwohl die Qualität feiner ist. Das Material wurde analysiert (Beil. I).

W 21. Grab 464. Ungemusterter, dreibindiger Köper. Litzeneinrichtung ohne Umkehr. Das Fragment misst kaum 4.5 2 cm und ist stark mit Rost vermischt. Grundfarbe dunkelgrünblau. Fadendichte per cm 40 X 17* Der Schuss wirkt etwas zarter und ist weniger fest gesponnen. Die Oberseite zeigt schwach hervor-

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tretende Diagonallinien in rechts aufsteigender Richtung. Die Unterseite hat wie gewöhnlich Effekt von Lein wandbindung; stellenweise werden kleine Erhöhungen in derselben Richtung wie die Diagonallinien der Oberseite sichtbar. Das Gewebe ist besonders fest und dicht. Im Verhältnis zu den übrigen Stoffen derselben Gruppe wirkt die Oberfläche ein wenig wollig. Wegen der Kleinheit des Fragmentes und des starken Rost¬ gehaltes, der die Fasern steif macht, lässt sich nicht entscheiden, ob diese Steifheit nicht auch durch Walken verursacht wurde.

Uber die Technik der gemusterten Köperstoffe.

Wie sollen wir uns das praktische Verfahren denken, das die Voraussetzung für die Anwendung derartiger Webekanten sein muss? Der Zusammenhang sowohl mit älteren vorgeschichtlichen Funden als auch noch lebendem ethnologischem Material wurde bereits hervorgehoben.

Emelie von WalterstorfF hat hier im weitesten Umfang Klarheit durch eine Studie1 geschaffen, in der sie die Herstellung einer sogen. „Rana“ (finnisch) oder „Grenne“ (norwegisch) einer groben Wolldecke beschreibt, die bei den norwegischen Lappen vorkommt, eine Methode, die in diesem Zusammenhang von grösstem Interesse ist. Diese kommt an einem Webstuhl mit hängender Kette zur Anwendung, der nahezu in allen Einzelheiten dem von den Färöern und aus Norwegen wohlbekannten Gewichtswebstuhl, dem sogen. „Opstagogn“ gleicht. Zum „Grennewebstuhl ge¬ hört ein besonderes Gerät, ein „Scherbock“ eigentlich eine Kombination von Bandwebstuhl und Anzettler, d. h. ein Gestell zum Aufspannen der Kette, dessen Prinzip aus der schematischen Zeichnung Abb. 9 hervorgeht. Das Band wird mit Hilfe eines sogen. Webegitters gewebt und der Schuss des Bandes an der einen Seife zu langen Schlaufen ausgezogen, die um feste Ständer gelegt werden, deren Abstände der erforderlichen Kettenlänge angepasst sind. Sobald ungefähr 1 dm fertig ist, werden die langen Schlaufen losgemacht und in zwei Bündel aufgeteilt, die das Fach bilden sollen; die Bandkette wird weiter nach vorn gezogen. Sobald das Band die Länge erreicht hat, die der Breite der zu verfertigenden Rana entspricht, wird das Ganze von dem Gestell genommen und das Webegitter herausgezogen. Das Band oder die Franse wird dann zwischen die beiden oberen Ecken des Webstuhles aufgehängt und an dem oberen Baum festgeschnürt. Die herabhängende und auf 2 Fächer aufgeteilte Kette wird geordnet und mit Gewichten versehen.2 Die fertige Rana erhält also auf 3 Seiten Webekanten.

Das für die späte lappische Rana auf diese Weise hergestellte Halbfabrikat zeigt eine auffallende Übereinstimmung mit der in Tegle (Norwegen) gefundenen, mit-

1 E. von Walterstorff, En vävstol och en varpa, Fataburen 1928. Vgl. auch Kurt Hentschel, Der germa¬ nische Webstuhl bei den Lappen, Rundschau technischer Arbeit Nr 24 1937.

2 Prinzipiell dasselbe Verfahren ist auf dem wichtigen Bild im Utrechtpsalter (E. T. De Wald, The Illustrations of the Utrecht Psalter, Princeton 1935; abgebildet bei A. Geijer in Fornvännen 1937, S. 247) zu beobachten. Das Aufscheren wird von zwei Frauen ausgeführt, was vielleicht zur Erklärung der zwei wechselnden Fäden in unseren Anfangskanten dienen kann. Wahrscheinlich webt die sitzende Frau das Band, während die andere in Bewegung ist. Statt das Garn um die Ständer des lappischen Scherbocks zu legen, spannen sie es zwischen zwei Pfähle. Daneben sind zwei Frauen an einem senkrechten Webstuhl beschäftigt, der wahrscheinlich eben ein Gewichtswebstuhl ist, obzwar dies nicht mit Sicher¬ heit zu erkennen ist.

DRITTES KAPITEL

tels Brettchen hergestellten Webekette (aus der römischen Eisenzeit). E. v. Walters¬ dorff hebt auch mit Recht hervor, dass man sich eines analogen Verfahrens bei Anfertigung derjenigen mit schmalen, brettchen gewebten Kanten versehenen Gewe¬ ben bedient haben muss, die aus mehreren prähistorischen Funden bekannt sind. Stettiners und nach ihm Dedekams Annahme, dass eine solche Anfangskante im Webstuhl, den sie sich übrigens als einen geschlossenen Rahmen vorstellen, her¬ gestellt wurde, erweist sich bei näherem Nachdenken als unnötig umständlich.

Ein kurzer Überblick über das Vorkommen solcher mittels Bandweberei ange¬ zettelter Gewebe dürfte hier am Platz sein.

In den dänischen Geweben aus der Bronzezeit1 finden wir eine sehr einfache Kante aus Ripsgewebe mit doppeltem Schuss in jedem Fach, von der die dänischen Ver-

llllll

Abb. 9. Schema %um Bandanxetteln .

a Bandkette, b Webegitter oder dgl., c Bandschuss = die zum Stoff zu verwebende Kettej d u. e Pflöcke zum Spannen

der Gewebekette.

fasser annehmen, dass sie mittels zweilöchriger Brettchen hergestellt wurde.2 Aus der römischen Eisenzeit liegen uns mancherlei Beispiele vor: Teils die von Stettiner veröffentlichten Moorfunde mit ihren hübschen, zum Teil auch breiten Brettchen¬ borten, teils die diesen recht nahestehenden norwegischen, von Dedekam beschrie¬ benen Funde, besonders der Teglefund, sowie auch noch mehrere bisher wenig bekannte Funde, die kürzlich zusammen mit den Snartemofunden von Hougen veröffentlicht wurden.3

Schliesslich seien noch einige Beispiele aus den dürftigen Moorleichen funden

1 Vollständig veröffentlicht von H. C. Broholm und Margrethe Hald, Danske Bronzealdersdragter (Nordiske Fortidsminder udgivne af Det Kgl. Oldskriftselskab, Bd II, H. 5 6, Kopenhagen 1935)- Dasselbe Material wird auch in der kürzlich erschienenen Arbeit von K. Schlabow, Germanische Tuchmacher der Bronzezeit (Neumünster i. H. 1937) behandelt.

2 Diese Annahme hat viel Wahrscheinlichkeit für sich, obwohl sie nicht als bewiesen angesehen werden kann. Schla¬ bow hat dementsprechend eine Kopie mittels Litzenstab hergestellt. Natürlich kann hierzu auch ein Webegitter wie bei der lappischen Rana verwendet worden sein. Hingegen stellt die andere, geflochtene Borte, die alle 3 Verfasser für die Anfangsborte halten, mit grösster Bestimmtheit den Abschluss des Gewebes dar. Vgl. A. Geijer in Fornvännen 1937, S. 243, und Acta Archaeologica 1938.

3 R. Stettiner, Brettchenwebereien in den Moorfunden von Damendorf, Daetgen und Torsberg, Mitteilungen des Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein, Kiel 191 1. Hans Dedekam, Et tekstilfund i myr fra romersk jernalder, Stavanger Museums Aarshefte for 1921 24. Björn Hougen, Snartemofunnene, Studier i folkevandringstidens orna- mentikk og tekstilhistorie, Norske Oldfunn, Oslo 1935.

WOLLSTOFFE

3 1

erwähnt, die von Hahne1 veröffentlicht wurden. Die Anfangsborten spielen hier nur eine konstruktive Rolle, ob sie nun mit Brettchen in Schnurvorrichtung oder als einfacher Rips hergestellt sind. Einige der Wollstoffe der Moorleiche aus Barnuthsfeld haben, wenn sie auch bedeutend gröber sind und die Bandkette über¬ wiegt, eine gewisse Ähnlichkeit mit unseren Birkastoffen.

Bekanntlich hat sich die Tradition vom Typus des Torsberger Mantels mit de¬ korativen Brettchenborten auf 4 Seiten in Finnland und im Baltikum während der jüngeren Eisenzeit und heute noch in der Volkskunst Lettlands lebendig erhalten und weiter entwickelt.2 Die Wikingerzeit Schwedens und Norwegens ist in dieser Hinsicht noch nicht veröffentlicht, doch wird das Osebergwerk interessante Auf¬ schlüsse hierüber geben, das unser leider so beschädigtes gleichartiges Exemplar, M 2, aus Birka ergänzen wird.

Indessen gibt es in Schweden ein von E. v. Walterstorff a. a. O. nachgewiesenes Beispiel für eine obere Webekante, die lediglich konstruktive Bedeutung hat, näm¬ lich an dem einen der bekannten Bildteppiche aus överhogdal, der aus der Zeit um 1100 stammt. Die Anfangsborte mit ihrem zweifädigen Schuss (= Kette des Gewe¬ bes), der ganz die groben Kettenfäden des Bandes verdeckt, hat eine auffallende Ähnlichkeit mit „unserer“ Webekante Abb. 2. Es kann hinzugefügt werden, dass man schon früher aus anderen Gründen angenommen hat, dass die Bildteppiche aus överhogdal auf einem Webstuhl mit hängender Kette hergestellt worden seien.3

Die beiden Erfindungen, Bandanzettelung und Webstuhl mit hängender Kette, gehören zweifellos eng zusammen, wenn man auch nicht in jedem Fall behaupten kann, dass das eine das andere voraussetzt. Webstühle mit hängender Kette finden wir auf griechischen Vasenmalereien und auf einer ungarischen Graburne aus der Hall¬ stattzeit abgebildet4, vom Anzetteln der Kette für diese Gewebe weiss man jedoch nichts. Andrerseits finden sich an den Schweizer Pfahlbautextilien Webekanten, die in hohem Masse an die hier besprochenen erinnern.5

Nachdem man den Kettenaufzug mit Band bei den feinen Birkageweben fest¬ gestellt hat, verbleibt doch die Frage, ob sie auf einem Webstuhl mit hängender Kette hergestellt wurden. Dieser Möglichkeit gegenüber verhält man sich anfäng¬ lich zweifelnd; es lässt sich schwerlich denken, dass eine so gleichmässige und mit solcher Präzision ausgeführte Arbeit anders zustande kommen könnte als auf einem gewöhnlichen Webstuhl mit waagerechter Kette, Lade mit darin eingefasstem Weber¬ kamm oder Rietblatt. Bei näherem Nachdenken erweist sich jedoch die letztere

1 Hans Hahne, Vorzeitfunde aus Niedersachsen, Hannover 1915 26, bes. Taf. XXXIX XXXXI.

2 H. Appelgren-Kivalo, Finnische Trachten aus der jüngeren Eisenzeit, Helsingfors 1907. Tyyni Vahter, Der späteisenzeitliche Mantel im Ostbaltikum, Congressus Secundus Archaeologorum Balticorum Rigae 19. 23. VIII. 1930. Alma Birgel-Paecle in Latvijas Säule 1926 und 1927.

3 Agnes Branting und Andreas Lindblom, Medeltida vävnader och broderier i Sverige, I, S. 11.

4 Hörnes, Urgeschichte der bildenden Kunst, S. 559.

6 E. Vogt, Geflechte und Gewebe der Steinzeit, Abb. 82 ff., S. 70 71. Vogt nimmt auch an, dass schon hier eine dem lappischen Scherbock ähnliche Vorrichtung vorhanden war.

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DRITTES KAPITEL

Behauptung als völlig unhaltbar. Ein Rietkamm für eine so dichte Kette ist über¬ haupt kaum denkbar und, hätte man die Fäden endlich eingefädelt, wären sie zweifel¬ los sofort abgenutzt und aufgeribbelt worden. Auch mit den technischen Hilfsmitteln der Gegenwart wäre es sicher ein unlösbares Problem, einen genügend feinen und geschmeidigen Rietkamm für eine wollene Kette mit einer Fadendichte von ungefähr 60 Fäden per cm zu erhalten. Schon aus diesem Grunde muss man anneh¬ men, dass die Stoffe mit hängender Kette gewebt wurden. In diesem Falle wird das Gewebe mit dem sogen. Webeschwert im Fadenfach fest geschlagen, wodurch die Abnutzung der Fäden bedeutend geringer wird, als wenn dies mit Hilfe des im Schlagbaum eingefassten Kammes geschieht. Es wird nun auch verständlich, dass der Stoff gerade durch die ausserordentlich dichte Kette ebenmässig wird und hier¬ durch bis zu einem gewissen Grade der Rietkamm, ja vielleicht sogar der Webspanner ersetzt wird.

Sicher war dieser Webstuhl keineswegs so primitiv, wie die wenigen bis auf unsere Zeit in Norwegen und auf den Färöern erhaltenen Exemplare vermuten lassen würden. Der von Olavius1 beschriebene und abgebildete isländische Web¬ stuhl aus dem 18. Jahrhundert kann uns vielleicht eine Vorstellung geben, wie er ausgesehen haben mag. Er ist mit drei Schäften, d. s. Litzenstäben, und einem Trennstab versehen, wodurch (beachte!) vier Fächer gebildet werden der Trenn¬ stab erzeugt nämlich das sogen, natürliche Fach. Hieraus entsteht eben das, was wir heute „vierschäftig“ (= vierbindig) nennen, entsprechend den Einrichtungen eines gewöhnlichen Webstuhles mit horizontaler Kette und Trittschemeln in Verbindung mit vier Litzenstäben.2 Ausserdem hat der Webstuhl des Olavius einen verstellbaren Zeugbaum, auf den der Stoff aufgewickelt werden kann. Wahrscheinlich war auch die Kette auf den Gewichten aufgewickelt oder daran befestigt, sodass sie sich ent¬ sprechend dem Fortschreiten der Arbeit abwickeln konnte.

Der abgebildete Webstuhl konnte wohl ohne Schwierigkeit auch für die Her¬ stellung von dreibindigen wie zweibindigen Stoffen verwendet werden die Zahl der Litzenstäbe musste lediglich auf 2 resp. i vermindert werden. Bevor der jetzt gebräuchliche Webstuhltypus für Erzeugung von feineren Geweben allgemein Eingang fand, muss der alte Opstagogn-Typus auch in einer verfeinerten und besser ausgeführten Gestalt aufgetreten sein können. Es ist ein häufiger Irr¬ tum, ein altertümliches Gerät wie den Gewichtswebstuhl, der sich zur Bewältigung einer speziellen, ziemlich anspruchlosen Aufgabe bis in die Gegenwart erhalten hat, als die vollendete Auflage eines im übrigen ausgestorbenen Typus zu betrachten und danach die Leistungsfähigkeit der Konstruktion an und für sich zu beurteilen. Wir

1 O. Olavius, Oeconomisk Rejse igiennem Island. Seite 630, Taf. XII.

2 Die Bezeichnung „vierschäftig“ für ein auf einem derartigen Webstuhl hergestelltes Gewebe ist natürlich inadaequat, ebenso wie „dreischäftig“ und „zweischäftig“ in analogen Fällen, doch sicherlich würde es nur Unklarheit und Verwir¬ rung hervorrufen, wollte man von den jetzt allgemein gebräuchlichen Benennungen abweichen. Die hier angewandte Bezeichnung -bindig anstatt -schäftig, ist ein Versuch, jene für unseres Material vielleicht nicht genau zutreffenden Worte zu vermeiden.

WOLLSTOFFE 3 3

können überzeugt sein, dass das beste Exemplar des Webstuhles jener Zeit kein schlechtes Gerät war.

Einen interessanten Beweis für die Brauchbarkeit des Webstuhles mit hängender Kette1 geben die von Broholm-Hald2 gemachten Mitteilungen einer alten Weberin von den Färöern ab. Als sie noch jung war, hatte sie gelernt, „vierschäftig“ mit nur drei Schäften auf einem Webstuhl mit hängender Kette zu weben, was eine beträchtliche Geschicklichkeit erfordert haben soll. Es ist bemerkenswert, dass man zur Zeit, als man mit horizontaler Kette zu weben begann, den neuen Webstuhl mit drei Litzenstäben und einem Trennstab ausrüstete statt einfach mit 4 Litzen¬ stäben!

In diesem Zusammenhang sei eine Beobachtung berichtet, die ich leider nicht völlig zu erklären vermag. Die Regel, dass vierbindiger Spitzenköper immer versetzt ist, trifft nicht nur auf alle hier vorkommenden Stoffe zu, sondern auch, soweit ich beobachten konnte, auf alle derartigen Stoffe sowohl aus der Völkerwanderungszeit wie auch aus der jüngeren Eisenzeit.3 In dem einzigen Köpergewebe, das uns aus der Zeit vor der Eisenzeit bekannt ist, dem Mantel aus Gerum4, hat diese Regel nur einige wenige Ausnahmen, die sicher als zufällige Unregelmässigkeiten, verur¬ sacht durch Ausfallen einzelner Fäden, erklärt werden können.

Der Grund für diese Regel muss m. E. technischer Natur sein. Beim Einziehen der Fäden in die Litzen eines gewöhnlichen Webstuhles, wo die Fäden einzeln eingezogen werden, wäre es aus ästhetischen Gründen das Natürlichste, einfach „in Spitze umzukehren“, also ohne versetzte Einrichtung, damit das Muster symmetrisch wird. Wenn die Spitzeinrichtung in Handgeweben späterer Zeiten versetzt ist, so hat dies oft Zweckmässigkeitsgründe. Lediglich ästhetische Motive für versetzte Einrichtung halte ich wegen der konsequenten Einhaltung der Regel für ausgeschlossen. Das Wesen des Verfahrens muss ein Abweichen von der Regel unmöglich gemacht haben.

Nach dem was bisher über die Webekunst des Nordens erforscht worden ist, darf es wohl gestattet sein anzunehmen, dass alle diese Stoffe sowohl auf Bändern angezettelt als auch auf einem Webstuhl mit hängender Kette gewebt wurden.5 6 Mir kommt es wahrscheinlich vor, dass diese Eigenheit in der Bandanzettelung ihren Grund hat. Freilich wissen wir nicht, wie diese bei vierbindigen Geweben vor sich gegangen ist, man kann aber annehmen, dass die Kette bereits bei Beginn

1 Der von Olavius abgebildete Webstuhl wurde bisweilen von etlichen Verfassern für eine Legende oder doch für ,un verlässlich angesehen.

2 Broholm-Hald, a. a. O., S. 305.

3 Dies Urteil gründet sich teils auf direkte Materialstudien an den Museen in Oslo, Kiel, Helsingfors, Riga u. s. w., teils auf Arbeiten Hahnes, Hougens u. a. d. h. auf den Hauptteil der erhaltenen Gewebe dieser Art. Hier soll auch erwähnt werden, dass dieselbe Eigenheit an einem der feinen Wollstoffe aus Palmyra beobachtet werden kann (Pfister, Les textiles de Palmyre; „L 17“, Seite 35 und Taf. IX: d), deren Bindung mit unserem Typus W 10 identisch zu sein scheint; die Kettenrichtung ist aber unbekannt. Über die Provenienz dieses Gewebes aus dem 3. Jhdt. weiss man nichts.

4 L. v. Post, E. v. Walterstorff, S. Lindqvist, Bronsäldersmanteln frän Gerumsberget i Västergötland. Kap.

III, Webtechnik, von E. v. Walterstorff.

6 Was den Gerumsmantel betrifft, so stimme ich hier Broholm-Hald, a. a. O., und nicht v. Walterstorff bei.

3“ 37823. Birka III.

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DRITTES KAPITEL

der Arbeit, wie bei der Herstellung der obenbeschriebenen zweibindigen „Rana“, auf die vier Fächer verteilt wurde. Hieraus ergibt sich, dass für die Verteilung der Fäden viel weniger Spielraum verbleibt als auf einem gewöhnlichen Webstuhl, wo ja jeder Kettenfaden einzeln durch seine Litze gefädelt wird. Zufriedenstellende Klar¬ heit hierüber könnten wohl nur vollständig durchgeführte praktische Experimente schaffen.

Gruppe III. Rips und andere Gewebe in Leinwandbindung zarter

Qualität.

Diese Gruppe ist in mancherlei Hinsicht heterogen, doch sind die Verschiedenhei¬ ten oft sehr relativ. Uber den Erzeugungsort lässt sich sehr schwer etwas sagen, doch es scheint, als ob er in verschiedenen Gegenden zu suchen wäre.

Die ersten 9 Stoffe (W 22 30) sind ziemlich einheitlich. Es sind lauter Rips¬ gewebe, nach zwei erhaltenen Webekanten zu urteilen, zweifellos Kettenrips, aus einer dichten Kette und einem im Verhältnis dazu schütteren Schuss bestehend, dessen gerade hegende Fäden mehr oder wenig völlig von der Kette verdeckt werden. Die Kette war augenscheinlich wenig straff gespannt, sodass jeder Kettenfaden von den Schussfäden zu markanten Wellenlinien geformt wurde. Die Qualität kann als zart bezeichnet werden, durchschnittlich 18 22 Kettenfäden per cm. Die Ausfüh¬ rung ist durchwegs regelmässig, auch unter Berücksichtigung einzelner Ausnahmen mit ungleichmässiger Kettendichte.

Die eine der erhaltenen seitlichen Webekanten (W 22) zeigt, dass man sich beim Einführen des Schusses wenigstens zweier Weberschiffchen oder Spulen abwechselnd bedient hat. Der Grund hierzu war wahrscheinlich, dass man eine schmiegsame und ebenmässige Webekante erhalten wollte. Bei einer Kette von so geringer Faden¬ dichte hätte begreiflicher Weise ein Schussfaden, der im folgenden Fach wieder¬ kehrt, die Kettenfäden viel mehr zusammengezogen als es hier der Fall ist. Hier so¬ wohl wie bei W 10 sind die Stoffkanten nicht besonders markiert.

Das Garn ist sowohl in der Kette als im Schuss linksgesponnen mit Ausnahme von ein paar Stücken, wo der Schuss rechtsgesponnen ist. Die Spinnarbeit ist auffal¬ lend ebenmässig und fest ausgeführt.

Dem Aussehen nach stimmt das Garn mit dem der Stoffe der Gruppe II überein. Durch seine glatte und sich beinahe hart anfühlende Oberfläche, die frei von aller Wolligkeit ist und nirgends eine Tendenz zur Verfilzung zeigt, gleicht es dem, was man Kammgarn nennt.1 Am deutlichsten kommt diese Eigenschaft in dem dunklen, glänzenden W 22-Stoff zum Vorschein, wo die Verspinnung des Garnes

1 Kammgarn wird aus Wolle mit vorwiegend Deckhaar gesponnen, aus welcher zuerst die zartgekräuselte Grund¬ wolle ausgekämmt wurde. Die Kammwolle, die man auf diese Weise erhält, wird nicht mit der Karde (Wollkrätze) bear¬ beitet, sondern wie Flachs und ähnliches Material sofort gesponnen.

WOLLSTOFFE 3 5

den Stoff elastisch und dabei gleichzeitig federnd macht, sodass es sich wie ein Gewebe aus Metalldraht gerne zusammenrollt.

Bei den übrigen Exemplaren ist diese Eigenschaft weniger ausgeprägt. Dasselbe gilt von der Farbe und der Textur. Bis zu einem gewissen Grade dürfte dies darin seinen Grund haben, dass diese mehr dem zerstörenden Einfluss der Feuchtigkeit und chemischer Stoffe ausgesetzt waren. Die Farbe sämtlicher Stoff-Fragmente ist dunkel, die der meisten von ausgesprochen blauem Ton.

Von den in Rede stehenden 9 Exemplaren wurde das erste einer chemisch-tech¬ nischen Materialuntersuchung unterzogen, Beil. I. Nach dieser herrscht eine unver¬ kennbare Übereinstimmung, sowohl was den Charakter der Wolle als auch die ge¬ schickt ausgeführte Spinnarbeit betrifft, mit zwei Stoffen der Gruppe II (W 10 und W 20) sowie mit dem schlichten Köperstoff W 37. Sie sind auch alle mit Färberwaid blaugefärbt.

W 22. Grab 837. Taf. 6: 1. Ripsgewebe. Dunkle grün-blaue Farbe. Der Stoff glänzt noch und zeigt sehr deutliche Textur ohne Spur von Wolligkeit. Er fühlt sich glatt, schmiegsam und elastisch an. Das Garn beider Fadensysteme ist fest, mit Linksdrehung gesponnen und ist besonders zart und ebenmässig. Nach der Analyse sind die Wollhaare weiss und der Beschaffenheit nach einheitlich; Durchmesser zwischen 17 und 50 fx wechselnd. Die grünblaue Farbe ist, wie die Untersuchung ergibt, das Produkt einer gelben Unterfarbe, wahr¬ scheinlich aus Wau (Reseda luteola), und einer Blaufärbung, scheinbar mittels Färberwaid (Isatis tinctoria). Kettendichte 22 Fäden per cm, gegen die Webekante zu ungefähr 30. Der Schuss 8 9 Fäden per cm. Die Kette war lose gespannt, jeder Faden bildet markante Wellenlinien im Gegensatz zu den straff gespannten Schussfäden. Infolge der starken Drehung des Garns erhält die Oberfläche ein köperähnliches Aussehen.

7 bis 8 cm erhaltener Webekante beweisen, dass man für den Schuss wenigstens 2 Spulen verwendet hat, die in der Regel abwechselnd in jedes 2. Fach eingeführt wurden, wenn auch mit einzelnen Unregelmässig¬ keiten: hie und da hat man einen Kettenfaden an der Kante gelassen, zuweilen sind zwei Schussfäden in dem¬ selben Fach oder ein Schussfaden überspringt mehrere Fächer, ohne umzukehren. Es sind mehrere Teil¬ stücke erhalten und in gutem Zustand, eines davon hat augenscheinlich auf einer ovalen Spange gelegen.

W 23. Grab 837. Rips. Dem vorigen ziemlich ähnlich. Das Garn jedoch weniger fest gesponnen, sodass das Gewebe dichter wirkt als das oben beschriebene. Nur ein kleineres Stück erhalten, stark mit Rost vermischt. Fadendichte per cm 20 22 (Kette) resp. 9.

W 24. Grab 954. Taf. 6: 7. Rips. Gleichmässiger und feiner, beinahe schwarzer Stoff. Garn links¬ gesponnen, im Schuss etwas loser. Fadendichte per cm 24 XI2.

W 25. Grab 1004. Rips. Gewebe undicht und etwas steif, etwas ungleichmässig. Ein recht grosses Stoff¬ stück mit Naht. Farbe ursprünglich beinahe blauschwarz. Fadendichte per cm ca. 18 (Kette) resp. 11. Ketten¬ garn links-, Schussgarn rechtsgesponnen, jenes fest, dieses etwas loser.

W 26. Grab 987. Taf. 6: 3. Ripsartiges Gewebe. Ziemlich schütteres, dünnes Gewebe von blauer Farbe, recht grosse Stücke bei einer ovalen Spange. Garn linksgesponnen, in der Kette fest, im Schuss etwas loser. Fadendichte 18 20 resp. 12.

W 27. Grab 1004. Rips. Ein kleineres Stück, ebenmässiges und dichtes Gewebe. Kettengarn links, Schuss¬ garn rechts und loser als ersteres gesponnen. Fadendichte per cm 16 X 9.

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DRITTES KAPITEL

W 28. Grab 1090. Taf. 6: 5. Rips. Dichtes und gleichmässiges Gewebe von dunkelblauer Farbe. Garn linksgesponnen, im Schuss etwas loser. Fadendichte per cm 18x9.

W 29. Grab 839. Rips. Dichtes und gleichmässiges Gewebe. Die Fragmente sind jetzt stark durch die Bronze verfärbt, Grundfarbe wahrscheinlich dunkelblau. Garn links gesponnen, Schussgarn etwas feiner. Fadendichte per cm 20x10.

W 30. Grab 973. Taf. 6:6. Ripsartiges Gewebe, als Futter für einen Diamantköperstoff verwendet. Das Stück hat eine 7 cm lange Webekante, die keine markante Abgrenzung zeigt. Zum Einziehen des Schusses scheint nur eine Spule verwendet worden zu sein. Garn linksgesponnen, Schussgarn etwas feiner. Farbe braun. Fadendichte per cm 14 X 11.

Die beiden folgenden Muster sind gröber als die vorhergehenden und auch nach anderen Richtungen hin verschieden. Das Kettengarn ist nicht nur etwas gröber, son¬ dern auch dichter, bis zu 25 Fäden per cm, weshalb der Schuss nur sehr spärlich ein¬ geschlagen werden konnte. Hierdurch wird der Ripscharakter noch mehr verstärkt. Die Textur hat eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Grundgewebe des broschierten „Krabbasnär-Teppichs“, von dem einige Fragmente erhalten sind, M 4 etc. In dem kleineren der beiden nachfolgend beschriebenen Fragmente ist undeutlich ein „Stich“ zu sehen, der einem solchen Broschierschuss ähnelt, aber viel zu undeutlich ist, als dass man das in Rede stehende Stück unter die gemusterten Gewebe einreihen könnte.

Das eine der beiden Fragmente wurden chemisch analysiert. Die Wolle enthält Haare von sehr verschiedener Stärke, ist jedoch vorwiegend grob. Der Charakter der Epidermisschuppen, soweit sie nicht beschädigt sind, lässt keine bestimmte Schaf¬ rasse erkennen.

W 31. Grab 739. Grober Rips. Blauschwarze Tönung. Kleine Fragmente. Kette ist links, Schuss rechts gesponnen, letzterer etwas loser. Fadendichte per cm 25 x6. Ein paar undeutliche Spuren von querlaufenden Fäden können Reste eines broschierten Musters sein.

W 32. Grab 847. Taf. 6:4. Grober Rips von dunkler, schwarz- oder blau-brauner Farbe. Garn links¬ gesponnen. Fadendichte per cm 16 X 6. Ein Fragment ca. 3x6 cm, gefaltet.

Das zuletzt beschriebene Stück, W 33, ist ein verhältnismässig dünnes Leinwand¬ gewebe mit gleicher Fadenzahl in beiden Richtungen. Aus dem Aussehen des er¬ haltenen Teiles kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Kette des Stoffes ge¬ streift war und zwar abwechselnd mit schmaleren blauen und breiteren roten Streifen. Das Garn ist im Verhältnis zu dem in W 22 30 vielleicht etwas ungleichmässig, die Ausführung ist aber im Grossen und Ganzen gut. Im Birkamaterial ist diese Sorte eine Einzelerscheinung.

W 33. Grab 1090. Taf. 6: 8. Gestreifter zweibindiger Stoff, ca. 3 x 6 cm. Ein sehr fragmentarisches Stück mit einer kaum 1 cm breiten seitlichen Webekante. Garn gleichmässig gesponnen, Linksdrehung. Fadendichte per cm 12x9. Die Kette besteht aus ca. 5 mm breiten Streifen abwechselnd in bläulicher und rotbrauner Farbe. Der Schuss ist rotbraun. Zwei zusammengeklebte Schnüre aus gleichem Material sind möglicherweise Reste eines Brettchenbandes.

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Gruppe IV . Schlichte Stoffe in Köperbindung.

Charakteristisch für alle folgenden 1 2 Stoffsorten vielleicht mit Ausnahme der schlecht erhaltenen W 38 und W 40 ist die ebenmässige, gewerbsmässige Ausfüh¬ rung, sowohl was die Spinn- und Webarbeit als auch die Nachbehandlung betrifft. Es dürfte nämlich kaum ein Zweifel darüber herrschen, dass die meisten dieser Stoffe einer Art Appretur unterzogen wurden, sei es dass es sich nur um leichte Anfeuchtung und Pressung (W 34), kräftiges Krimpen (z. B. W 36 3 7) oder regelrechtes Walken mit Aufkratzen im Verein mit Krimpen und Pressen (W 42) handelt. Der letztge¬ nannte Stoff ist so stark verfilzt, dass die Bindung beinahe unkenntlich geworden ist; der Stoff ist so dicht wie dickes Sämischleder. Mit Ausnahme des ersten Exemplares sind alle anderen Stoffe so dicht, dass sie nicht das geringste Licht durchlassen.

Abb. 10 11. Schema zu JV 34 39 > resp. IV 41.

Uber Einzelheiten dieser Nachbehandlung lässt sich schwer etwas sagen, doch alles deutet darauf hin, dass sie im Zuge der ganzen Stofferzeugung vorgenommen wurde, sonst hätte man kaum ein so gleichmässiges Resultat erzielen können. Dass die in mehreren Fällen sehr starke Verfilzung durch die Erdfeuchtigkeit noch mehr erhöht wurde, ist wohl anzunehmen.

Die Bindung ist in der Regel ein gleichmässiger, vierbindiger Köper, der dadurch, dass das Garn der Kette und des Schusses verschiedene Spinnrichtung zeigt, gewöhn¬ lich auf der einen Seite deutlicher hervortritt, die man demnach als Oberseite zu be¬ trachten hat. In diesem Fall scheinen die Diagonallinien immer nach rechts aufzustei¬ gen, vorausgesetzt, dass der Stoff in der Richtung der Kette betrachtet wird. W 41 weist eine Variation der gewöhnlichen Köperbindung auf, den versetzten Köper. Die zweite Ausnahme, das kleine Fragment W 40, in dreibindigem Köper, hat noch andere abweichende Eigenschaften, die seine Zugehörigkeit zu der übrigen Gruppe fraglich erscheinen lassen.

Die Qualität ist bei allen ziemlich dieselbe und entspricht in der Fadendichte unge¬ fähr unserem heutigen Tweed oder Homespun. Nur die zwei letzten sind bedeutend feiner, doch nie von derselben zarten Qualität wie die Stoffe der Gruppe II.

Das Garn der Kette und des Schusses ist in der Regel verschiedenartig. Die Kette besteht immer aus festem, linksgesponnenem Garn und die Fadendichte ist meistens

DRITTES KAPITEL

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etwas grösser als die des Schusses. Dieser ist dagegen immer loser und poröser und zeigt Rechtsdrehung. Hierdurch tritt der Diagonalcharakter auf der einen Seite deutlicher hervor.1

Das Wollgarn hat ein ganz anderes Aussehen als das Material der Gruppen II und III, das wir versuchsweise als Kammgarn bezeichnet haben. Auch fest gesponnen hat das Garn ein wolliges Aussehen, das natürlich noch weicher und „wolliger“ wird, wenn das Garn loser gesponnen ist. An dem völlig ungewalkten W 35 tritt diese Eigenschaft besonders deutlich hervor. Bemerkenswert ist die grössere Halt¬ barkeit des Materials gegenüber den groben Geweben der Gruppe I; in mehreren Fällen hält es noch eine relativ starke Beanspruchung aus.

Die meisten Stoffe dieser Gruppe zeigen eine Farbentönung, die mehr oder we¬ niger deutlich ins Blaue spielt, bisweilen sehr dunkel. Irgend eine andere Farbe kann man unter den erdbraunen Tönen, die sonst vorherrschen, nicht erkennen.

Zwei Exemplare dieser Gruppe wurden einer mikrochemischen Untersuchung unterzogen (Beil. I), nämlich W 37 und W 42. Im ersten Fall war das Ergebnis die Feststellung eines Zusammenhanges mit der kontinentalen Fabrikation, die durch W 10, 20, 22, und 37 vertreten ist. Im letzteren führte die Untersuchung zu keinem positiven Urteil, jedoch erscheint ein Zusammenhang mit dem erstgenannten nicht ausgeschlossen: die Wolle ist nicht grob und der Charakter der Epidermisschuppen stimmt nicht mit der „urschwedischen“ Wolle der Gruppe I überein. Die blaue Farbe rührt wahrscheinlich von Färberwaid her. Die Wollfasern der Probe W 42 sind sehr ungleichmässig durchgefärbt, was darauf schliessen lässt, dass der Stoff im Stück gefärbt wurde.

Wahrscheinlich war dies die Regel. Ausserdem trug die Prozedur des Färbens zur Verfilzung des Stoffes bei. In diesem Zusammenhang ist eine Archivurkunde interessant, wonach man im 9. Jhdt. aus einem französischen Kloster St. Riquier Stoffe nach Flandern zum Färben sandte.2 Das zeigt deutlich, dass hier die Färberei gewerbsmässig betrieben wurde. Färben wie Walken gehören ja zu jenen Arbeiten, die sehr frühzeitig gewerbsmässig ausgeführt wurden, während dagegen das Weben noch eine Hausindustrie war.3

W 34. Grab 1014. Taf. 8:4, Abb. 10. Vierbindiger Köper. 2 Stücke von sehr dunkler, rein brauner Farbe. Kette fest gesponnen, Schuss gröber und loser, jene links, dieser rechts. Fadendichte per cm 11 x8. Oberseite zeigt sehr deutliche Textur mit rechts aufsteigenden Diagonallinien, Unterseite unklar. Gewebe dicht und ebenmässig ohne Verfilzung.

W 35. Grab 602. Taf. 8:1. Vierbindiger Köper. Ein kleines Stück von deutlich dunkelblauer Farbe. Kette fest, Schuss lose gesponnen, jene links, dieser rechts, Fadendichte per cm 14 X 10. Textur auf der einen

1 Die Regel, dass Ketten- und Schussgarn entgegengesetzte Spinnrichtung haben sollen, kann man heute noch bei schwedischen handgewebten Wollstoffen beobachten.

2 Kletler, a. a. O., S. 110. Vgl. S. 43, Fussnote 7.

3 H. Blümner, Technologie der Griechen und Römer I, S. 17 1 ff. und 226.

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Seite deutlicher mit nach rechts aufsteigenden Diagonallinien. Gewebe ebenmässig, aber etwas schütter, ohne Verfilzung.

W 36. Grab 597. Vierbindiger Köper. Einzelne Stücke, die zusammengeballt gelegen sind. Farbe spielt ins Grünblaue. Garn beider Fadensysteme linksgesponnen, Kette fester und feiner als Schuss. Fadendichte per cm 18 x 11. Ebenmässiges und dichtes Gewebe ohne Spur von Verfilzung, gleich auf beiden Seiten.

W 37. Grab 515. Taf. 8:2. Vierbindiger Köper. Einige Stücke von gleichmässiger, nicht zu dunkler, blauer Farbe. Kette fest, Schuss sehr lose gesponnen, jene mit Links-, dieser mit Rechtsdrehung, Fadendichte per cm 12 X 10 12. Gewebe ebenmässig und dicht. Textur nur auf der einen Seite deutlich mit nach rechts aufsteigenden Diagonallinien. Stoff zweifellos gewalkt, auf der Unterseite sehr stark verfilzte Stellen. Ma¬ terial chemisch analysiert (Beil. I).

W 38. Grab 894 A. Taf. 8:8. Vierbindiger Köper. Ein kleines Fragment von brauner Farbe. Kette fest, Schuss sehr lose gesponnen, jene links gedreht, dieser wahrscheinlich rechts. Fadendichte per cm 14 X7.

W 39. Grab 157. Vierbindiger Köper. Kleines Fragment, an einem Holzstück angeklebt, dunkelbraune Farbe. Garn beider Fadensysteme gleich und linksgesponnen, Fadendichte per cm 14 X9. Gleichmässige und deutliche Textur.

W40. Grab 949? Taf. 8: 7. Dreibindiger Köper mit Schusseffekt. Ein paar kleine Fragmente von brau¬ ner Farbe. Kette links gesponnen, ziemlich fein und fast schwarz. Schuss bedeutend gröber, rechts gesponnen und hellbraun. Textur nur auf der einen Seite deutlich, wo der Schuss vorwiegt; nach rechts ansteigende Dia¬ gonallinien.

W41. Grab 620. Taf. 8:3, Abb. 11. Versetzter, vierbindiger Köper. Ein zusammengefaltetes, ziemlich grosses Stück. Die Farbe wechselt zwischen braun und tiefblaugrün. Kette fest, Schuss lose gesponnen mit Links-, resp. Rechtsdrehung. Fadendichte per cm 16 X 11. Gewebe sehr dicht, auf beiden Seiten gleich. Der Stoff ist stark gewalkt, sodass die Bindung oft schwer zu sehen ist.

W 42. Grab 51 1. Taf. 8:9. Sehr stark verfilzter Stoff, wahrscheinlich vierbindiger Köper. Mehrere Stücke von dunkler grünblauer Farbe. Beinahe unmöglich, die Bindung zu erkennen. Kette links gesponnen und fein, dichter als der Schuss. Schussdichte ca. 10 Fäden per cm, Spinnrichtung nicht zu erkennen.

W 43. Grab 510. Taf. 8:6. Vierbindiger Köper. Schwarzer, dünner Stoff, zusammengeknüllt gelegen. Kette links-, Schuss rechtsgesponnen, dieser etwas loser, Fadendichte per cm 14 X13. Textur unklar. Keine Spur von Verfilzung. Der Stoff wirkt im Vergleich zu den übrigen dieser Gruppe sehr brüchig, wahrscheinlich eine Folge des schwarzen Farbstoffes.

W 44. Grab 539. Vierbindiger Köper. Ein ziemlich grosses Stück von dunkelblauer Farbe. Kette links-, Schuss rechtsgesponnen, dieser sehr lose. Fadendichte per cm 20x12. Gewebe sehr ebenmässig, auf der Oberseite rechtsaufsteigende Diagonallinien. Der Stoff wurde gewalkt und wirkt noch sehr fest und stark.

W 45. Grab 949? Taf. 8:5. Vierbindiger Köper. Ein dunkelblaues Stück ähnlich dem vorhergehenden. Linksgesponnene Kette, 20 22 Fäden per cm. Schuss lose gesponnen mit Rechtsdrehung 12 Fäden per cm. Das Stück wurde gewalkt.

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DRITTES KAPITEL

ÜBER DEN HERKUNFT DER FEINEN WOLLSTOFFE.

Die oben in der Gruppe II beschriebenen Stoffsorten können im Grossen und Ganzen auf ein und dieselbe Fabrikation zurückgeführt werden. Einige Exem¬ plare aus den beiden folgenden Gruppen, wahrscheinlich die feinen Ripse W 22 W 30 und die mittelstarken Tweed-Stoffe W 34 W 45 dürften derselben Erzeu¬ gung angehören. Die für diese Produktion charakteristischen Eigenschaften können folgendermassen zusammengefasst werden.

Gruppe II besteht aus sehr feinen, gemusterten Kammgarnstoffen in 3- oder 4- bindigem Köper. Von den erhaltenen Anfangskanten kann man mit Wahrschein¬ lichkeit annehmen, dass sie auf einem Webstuhl mit hängender Kette hergestellt wurden. Diese Stoffe kommen sehr reichlich in Birka vor. Reste davon wurden so gut wie in allen Gräbern gefunden, wo Textilien erhalten sind, weshalb die Zahl der oben registrierten Exemplare beträchtlich erhöht werden konnte. Dies trifft besonders auf den sogen. Standardstoff zu, Typus W 10, der dem Feinheitsgrad nach nur ge¬ ringe Variationen aufweist und ausserdem auch von anderen Funden her bekannt ist.

Ausser in Björkö wurden in Schweden bisher 3 Exemplare davon gefunden: in Källby, Skäne (Lunds Museum) und in Valsgärde, Uppland (Uppsala Univrs Saml.), beide in Gräbern aus dem 8. Jhdt. sowie eines in einem Grab aus dem 9. oder 10. Jhdt. in Sidkälla, Östergötland.1 In Norwegen kommt er in zwei Funden aus der Wikingerzeit vor, Oseberg und Hyrt in Voss.2 Schliesslich sei ein mit unserem ganz identischer Stoff aus einem alemannischen Grab bei Oberflacht aus der Me¬ rowingerzeit3 erwähnt.

Die Ripsstoffe sind ebenso wie die Stoffe der Gruppe II aus feinem und glattem Garn, sogen. Kammgarn, das in der Kette und im Schuss fest mit Linksdrehung gesponnen ist, hergestellt. Auch hier ist die Kette bedeutend dichter als der Schuss. Die meisten Stoffe der Gruppe IV zeigen eine Kette aus festgesponnenem Garn mit Linksdrehung und einen Schuss aus lose gesponnenem Garn mit Rechtsdrehung. Be¬ sonders letzteres ist wollig und verschieden von dem Garn der beiden andern Gruppen; wahrscheinlich ist es, wie gebräuchlich, aus aufgekratzter Wolle gesponnen. Alle diese gröberen Stoffe wurden gewalkt oder einer ähnlichen Nachbehandlung unterzogen.

Die mikrochemische Untersuchung der Stoffproben aller drei Gruppen hat erge¬ ben, dass das Wollmaterial einheitlich und von einem ganz anderen Typus ist als die grobe Wolle in den Stoffen der ersten Gruppe. Sie ist weiss und ziemlich feinhaarig. Ein grosser Teil der Stoffe war blau gefärbt, wahrscheinlich mittels Färberwaid.

1 Das letzte abgebildet bei Karlin, Den förhistoriska textilkonsten i Norden, Studier tillägnade Oscar Montelius 1903, Abb. 14.

2 Univ. Oldsaksamling, Oslo.

3 Publ. von Walther Veeck, Die Alamannen in Württemberg, Germ. Denkmäler der Völkerwanderungszeit, Bd. 1, Leipzig 1931, Taf. 7, S. 21. Im Gegensatz zu dem technischen Gutachten, das den Stoff wegen seiner ausgezeich¬ neten Qualität für Importware hält, sieht es der Verf. für ein bodenständiges Erzeugnis an.

WOLLSTOFFE

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Sowohl das Material der Wolle wie vor allem die geschickte und gleichmässige um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen standardisierte Arbeit, wofür alle diese Stoffe Zeugnis ablegen, zwingen zur Annahme, dass die betreffenden Stoffe aus einer auf breiter Grundlage gewerbsmässig betriebenen Produktion hervorgegangen sind, die überdies gesicherte Bezugsquellen für feine Wolle zur Verfügung hatte. Dass die Voraussetzungen hierzu auf skandinavischem Gebiet völlig fehlten, das steht ja ausser Zweifel. Die Stoffe müssen, wie so viel anderes aus der Birkakultur, Importware gewesen sein und es spricht viel dafür, dass sie von friesischen Kauf¬ leuten eingeführt wurden, deren ausgedehntes Tätigkeitsgebiet auch Birka umfasste.1 Ich wage es sogar, diese Stoffe als „friesisches Tuch“ zu bezeichnen, diese berühmte und vielumstrittene, bisher aber noch nicht identifizierte Ware.

Das Problem der Herkunft des sogen, friesischen Tuches ist von vielen Verfassern behandelt worden2, die bezüglich des Erzeugungsortes zu verschiedenen Schlussfol¬ gerungen gelangt sind. Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Beiträge hierzu dürfte deshalb am Platze sein.

In seiner, besonders für die Erkenntnis der praktischen Voraussetzungen für die Weberei so ausserordentlich aufschlussreichen Arbeit kommt Klumker zu dem Er¬ gebnis, dass die Stoffe, die die friesischen Kaufleute in den Handel brachten, haupt¬ sächlich in England hergestellt worden sein müssen. Später suchte Wilkens den Beweis dafür anzutreten, dass die Friesen selbst die Stoffe erzeugt haben, welche Hy¬ pothese von Pirenne bekämpft wurde, der in Übereinstimmung mit Häpke3 u. a. die in Rede stehende Erzeugung nach Flandern mit seinen Traditionen aus der gallo- römischen Zeit verlegte. Kletler wieder vertritt die Auffassung, dass das sogen, frie¬ sische Tuch sehr wohl auf beiden Seiten des Kanals und längs einer grösseren Strecke an der Nordseeküste hergestellt worden sein konnte. Schliesslich sei Halphen er¬ wähnt, der in seiner scharfsinnigen und äusserst skeptischen Kritik der quellenmässi- gen Belege die Existenz des feinen friesischen Tuches geradezu bezweifelt. Er ist nämlich der Ansicht, dass die Stoffe, mit denen die Friesen Handel getrieben haben, sich nicht wesentlich von den gewöhnlichen groben Stoffen unterschieden, die über¬ all in Heimarbeit hergestellt wurden. Alles, was feiner war, hält er für orientalischen Import.

1 H. Arbman, Schweden und das Karolingische Reich, Stockholm 1937, S. 13 ff.

8 U. a. besonders von folgenden Verfassern: Klumker, Der friesische Tuchhandel zur Zeit Karls des Grossen und sein Verhältnis zur Weberei jener Zeit, Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden, XIII, 1 2, 1899, S. 29 69. H. Wilkens, Zur Geschichte des niederländischen Handels im Mittelalter, Han¬ sische Geschichtsblätter 1908. Pirenne, Draps de Frise ou draps de Flandre? Vierteljahrschrift für Social- und Wirt¬ schaftsgeschichte 1909, S. 308 315. L. Halphen, Etudes critiques sur l’histoire de Charlemagne, Paris 1921. P. Klet¬ ler, Nord Westeuropas Verkehr, Handel und Gewerbe im frühen Mittelalter, Wien 1924. E. Sabbe, L’importation des tissus orientaux en Europe occidentale au haut moyen äge, Revue beige de philologie et d’histoire 1935. Gerade vor der Beförderung dieses Manuscriptes zum Druck bekam ich eine Abhandlung von E. Kober in die Hand, Die Anfänge des deutschen Wollgewerbes (in Abhandl. z. mittleren u. neueren Geschichte 8, herausgeg. v. v. Below, Finke, Mei¬ necke, Berlin 1908). Er schöpft im Wesentlichen aus denselben Quellen wie Klumker, zieht jedoch über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse andere Schlüsse.

3 Die Herkunft der friesischen Gewerbe, Hansische Geschichtsblätter 1906.

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DRITTES KAPITEL

Bemerkenswert ist nun, dass sämtliche Verfasser sozusagen die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Keiner scheint nach der materiellen Unterlage für seine Theorien gesucht zu haben, obwohl man sich einige Spuren dieser wichtigen Han¬ delsware hätte erwarten können. Zwar ist ja von dem Textilmaterial dieser Zeit bisher nur sehr wenig bekannt. Es bleibt nun abzuwarten, ob in Zukunft nicht auch auf dem Kontinent mehrere Seitenstücke zu den Funden auf skandinavischem Boden zum Vorschein kommen werden.

Prüfen wir die Sammlung von Proben, die in Skandinavien festgestellt wurde, so muss man erkennen, dass praktische Gründe jede Möglichkeit ausschliessen, dass diese feinen Stoffe Erzeugnisse von Hausarbeit im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein können. Pirenne hebt mit Recht hervor, dass der Handel jener Zeit hauptsächlich Luxuswaren1 umfasst hat, und deswegen wollte er den in Friesland hergestellten, nach seiner Meinung sehr einfachen Geweben, nicht jene Eigenschaften Zutrauen, die ihnen den Rang eines Welthandelsartikels verleihen könnten. Dazu wäre etwas Vollkommeneres notwendig. Man dürfte aber ohne Übertreibung behaupten können, dass unsere Stoffe in dieser Hinsicht jeden Vergleich aushalten können. Pirenne deutet auch an, dass ein so bedeutender Unterschied in der Qualität nur in jenen Fällen denkbar wäre, wo man sich das Erbe der römischen Zivilisation hatte zu Nutze machen können. Auch dieses Urteil dürfte mit dem Charakter unseres „frie¬ sischen Tuches“ vereinbar sein. Es ist dagegen die Frage, ob dadurch das Erzeu¬ gungsgebiet einzig auf Flandern beschränkt wird, wie Pirenne behauptet. Schon die Römer haben die ausgezeichneten Schafweiden an beiden Küsten der Nordsee aus¬ genützt. Demnach soll es im 4. Jhdt. eine kaiserliche Weberei bei Venta in Eng¬ land gegeben haben und in Flandern existierte eine solche bereits zu Beginn unserer Zeitrechnung.2

Es scheint ganz natürlich, dass im langen Verlauf der Zeit mit ihren Völkerver¬ schiebungen, die Nachwirkungen der römischen Kultur sich auch in einem bedeu¬ tend grösseren Gebiet geltend gemacht haben konnten, besonders dann, wenn die praktischen Voraussetzungen hierzu gegeben waren: gesicherte Bezugsquellen für Wolle und Nachfrage nach fertiger Ware. Die von Pirenne angezogene Mitteilung des Strabo, dass die Römer eine besonders feinwollige Schafrasse in diese Gebiete eingeführt hätten, verdient im Zusammenhang mit dem bemerkenswert feinen Woll- material unserer Stoffe der Beachtung. Dieses würde darauf hindeuten, dass die Er¬ zeugungsstätte dieser Stoffe in den kontinentalen Küstenstrichen zu suchen wäre, ebenso wie die Auffassung Kletlers, dass die Stoffe des Festlandes in der Regel dünner und feiner waren als die englischen.

Die authentischen Quellenzeugnisse, die direkt friesisches Tuch erwähnen, sind in Wirklichkeit sehr gering. Die älteste Mitteilung verdanken wir dem Skalden Er-

1 Luxuswaren ist ja ein verschwommener Begriff, er muss aber relativ verstanden werden. Jedenfalls müssen die importierten Waren andersartig und etwas besser als die bodenständigen Erzeugnisse gewesen sein.

2 Klumker, a. a. O., S. 62.

WOLLSTOFFE

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moldus Nigellus, welcher erzählt, dass friesische Kaufleute nach dem Eisass kamen und im Tauschweg Bernstein und farbiges Tuch „vario fucata colore“ gegen Korn, Wein und Holz lieferten.1

Der Mönch von St. Gallen erwähnt diese Ware 3 Mal und man hat wohl keinen Anlass, die Richtigkeit seiner Angaben zu bezweifeln, obwohl sich die Zuverlässigkeit des Verfassers in mehreren anderen Fällen als zweifelhaft erwiesen hat.2 Die älteste dieser Mitteilungen betrifft das Verzeichnis jener Geschenke, die Karl der Grosse dem Kalifen Harun al Raschid sandte, u. a.: „pallia Fresonica alba, cana, vermiculata vel saphirina, quae in illis partibus rara et multum cara comperit“.3 Der beigefügte Zusatz deutet an, dass solche Waren im Orient nicht ganz unbekannt waren. Kletler ist der Ansicht, dass sie von jüdischen Händlern dorthin gebracht wurden. Die zweite Mitteilung erzählt, dass Kaiser Ludwig der Fromme an höheren Feiertagen an seine Hofbeamten Kleider auszuteilen pflegte: die vornehmsten bekamen kostbare aus¬ ländische Kleider „praeciosissima vestimenta a latissimo imperio perlata“ , die niederen Beamten farbige friesische Mäntel „saga Fresonica omnimodi coloris“ , während die verschiedenen Diener gewöhnliche Woll- und Leinenkleider erhielten - „indumenta linea cum laneis“.4 Das dritte Mal schildert der St. Gallener Mönch eine neue Mode, die der Kaiser missbilligt. Die Franken hatten ihre grossen, grauen, weissen oder blauen Kriegsmäntel zu Gunsten kleiner und offenbar eleganterer Män¬ tel der römischen Art, „virgatis sagulis“5, aufgegeben, welche Sorten beide von den friesischen Kaufleuten geliefert wurden. Die Stelle muss mit einem früheren Brief Karls des Grossen an den König Offa von Mercien, datiert vom 18. April 796, über grosse Lieferungen von Mänteln aus England an das fränkische Heer verglichen wer¬ den.6 Es ist offenbar, dass solche Transaktionen nicht ungewöhnlich waren.

Uber das Färben und die Farbstoffe sind die Auskünfte recht zahlreich. Das Kloster in St. Riquier sandte7 Stoffe zum Färben nach Flandern, was ja beweist, dass im Stück gefärbt wurde und nicht ausschliesslich im ungesponnenen Zustand, wie

1 Mon. Germ. hist. Poet. lat. II, S. 83.

2 Vgl. van Halphen und Sabbe.

3 Monachi Sangallensis de gestis Karoli M. Mon. Germ. hist. Script. II, S. 752.

4 Mon. Germ. hist. Script. II, S. 762 763.

5 Mon. Germ. hist. Script. II, S. 747. Über die Übersetzung Klumkers und anderer Verfasser des Wortes virgatus lässt sich jedoch streiten. Nach Forcellinis Lexicon ist die Grundbedeutung „fleckig gemustert wie Netze, Rauten oder kleine Schilder“ und „fleckig wie ein Tigerfell“ (maculis et plagulis in modum retis et cancellorum distinctis, h. e. scaccati, alio nomine scutulatis virgato corpore tigrum). Diese Bedeutung dürfte mit Georges’ „aus Ruten geflochten“ vereinbar sein, aber kaum mit »gestreift, bunt». Es kann nicht geleugnet werden, dass die erstere Bedeutung ausgezeichnet zu Stoffen mit Rauten- oder sogen. Gänseaugen-Muster gleich unseren passt, obwohl zugegeben werden muss, dass der Begriff fleckig doch wohl mindestens zwei Farben voraussetzt. Eine solche Bedeutung passt aber für uns nicht und im übrigen lässt sie sich schwer auf hier mögliche Gewebe angewendet denken. Dagegen ist ja Vielfarbigkeit in Verbin¬ dung mit Streifigkeit natürlich. Die anderen Textstellen, die friesisches Tuch erwähnen, sagen indessen nichts darüber aus, dass die Stoffe mehrfarbig, wohl aber dass sie verschiedenfarbig waren. Auch wenn das Wort virgatus kein sicherer Grund ist, auf den man eine Annahme aufbauen kann, so dürfte es doch nicht unmöglich sein, dass mit diesem Worte ein Stoff von demselben Aussehen wie unser Diamantköper beschrieben werden sollte.

8 Mon. Germ. hist. Ep. IV, S. 145. Vgl. Klumker, a. a. O., S. 61 u. Kletler, a. a. O., S. 109.

7 Carm. Centul. (Miconis 825 853) n. 158, Mon. Germ. hist. Poet. lat. III, S. 361.

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DRITTES KAPITEL

vielmals behauptet wurde. Das zum Blaufärben verwandte Färberwaid wuchs all¬ gemein in jenen Gebieten und stellte lange Zeit hindurch ein wichtiges Ingredienz bei der Herstellung des flandrisch-französischen Tuches und der Wirkteppiche dar. Neben Krapp dürfte es der am häufigsten verwandte Farbstoff gewesen sein, aber offenbar fehlte es auch nicht an der Möglichkeit, jene klare rote Farbe hervorzubringen die von der Cochenillelaus gewonnen wurde.1 Vgl. u. a. das „vermiculatus“ des St. Gallener Mönches. Es scheint als ob das Rotfärben eine englische Gewerbespezialität gewesen wäre.2 In einer Markturkunde für St. Denis aus dem Beginn des 8. Jhdts. werden Leute erwähnt, die über das Meer kommen, um Wein, Honig und Krapp zu kaufen. Beda erzählt, dass es an der Küste Britanniens eine Schneckenart gab, die eine haltbare und schöne scharlachrote Farbe lieferte.

Schliesslich soll hier das für unsere Kenntnis von der Webarbeit der Karolinger¬ zeit so interessante Verzeichnis über das, was in den kaiserlichen Genitia vorrätig sein soll, zitiert werden3: ausser den Rohstoffen und den Farbstoffen linum, lanam, waisdo, vermiculo, warentia werden die Geräte pectinos laninas und cardones sowie saponem und unctum erwähnt. Pectinos laninas soll nach Bourquelot4 wörtlich und nicht mit Karde (Wollkratze) übersetzt werden, ein Gerät, das noch im 14. Jhdt. als schädlich für die Wolle in vielen Städten der Champagne verboten war. Diese Angabe darf wohl nicht zu eng interpretiert werden, denn das Aufkratzen der Wolle ist sicher frühzeitig vorgekommen. Die Angabe zeigt aber, dass das Kämmen der Wolle in diesen Gebie¬ ten während des Mittelalters allgemein gebräuchlich war, und ist daher sehr interes¬ sant mit Rücksicht auf die Tatsache, dass der grössere Teil des Materials in den in Birka erhaltenen Stoffen gerade Kammgarn ist. Die hier erwähnte Wollkratze kann sowohl zum Aufkratzen der Wolle als auch des fertigen Gewebes verwendet worden sein. Seife und öl, die schliesslich genannt werden, wurden zum Waschen und Wal¬ ken des Gewebes verwendet. Die Nachbehandlung ist ja eine wichtige Teilarbeit in der Herstellung eines Wollstoffes; bei den Römern stellte sie ein besonderes Ge¬ werbe dar.5

Nun erhebt sich die Frage, wie diese ihrem ganzen Wesen nach offensichtlich gewerbsmässige Webarbeit praktisch organisiert war, ob sie von Männern oder von Frauen ausgeführt wurde. Die meisten Verfasser scheinen nicht versucht zu haben, in dieses Problem tiefer einzudringen. Pirenne scheint sich eine stadtähnliche Handwerkersiedlung als Erzeugungsstätte gedacht zu haben. Es lässt sich jedoch schwer vorstellen, dass freie Bauern bereits im 8. Jhdt. jene feste und differenzierte

1 Diese konnte aus Süd-Frankreich und Spanien sowie auch aus der Levante bezogen werden (Heyd, a. a. O., Ifr S. 607).

2 Kletler, a. a. O., S. ii6.

3 Cap. de villis c. 43, Mon. Germ. hist. Cap. reg. franc. I: 32. Über dem Genitium siehe unten, S. 45.

4 Les foires de Champagne, I, 1865, S. 219; zitiert nach Klumker. Leider war mir die Arbeit nicht zugänglich.

5 Blümner, a. a. O., I, S. 170 190. Was nun die Frage des Färbens betrifft, so sei bemerkt, dass bei den erhaltenen Birkastoffen nur blaue Farbe festgestellt werden kann, dagegen gar nichts in Rot. Dies kann jedoch ein Zufall sein. Das recht grosse Stück aus Oseberg hat eine hellbraune Farbe, die möglicherweise rot oder weiss gewesen sein kann.

WOLLSTOFFE

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Organisation besessen sowie die ererbte und individuell hochentwickelte Geschick¬ lichkeit hätten ausnützen können, die die nötigen Voraussetzungen für die Erzeugung einer so erstklassigen Ware sind. Dagegen dürfte, wie Klumker hervorgehoben hat, die seit der Merowingerzeit ausgebildete Grossgut- und Fronhofwirtschaft durch die dort mögliche Arbeitsteilung1 wohl geeignet gewesen sein, die besten praktisch¬ sozialen Voraussetzungen für eine derartige Erzeugung zu schaffen.

Klumker hat gerade mit Rücksicht auf die Textilproduktion, vor allem auf die Flachsbereitung, worüber die Angaben am reichlichsten vorliegen, eine ausführliche Schilderung von der Fronhofwirtschaft gegeben und dabei die deutliche Spezialisie¬ rung hervorgehoben, die er als Ursprung der zunftmässigen Handwerksarbeit in den Städten sieht.2 Während die hörigen Hufen ihre Arbeit in Form von stipulierten Mengen von Stoff, Zwirn oder Flachs lieferten, konnte die auf dem Hofe ausgeführte gewerbliche Fronarbeit in einer für das Arbeitsresultat vorteilhaften Weise speziali¬ siert werden, wobei der Herrschafts-Hof oft für Kost usw. sorgte. Dies muss auch für das Frauenhaus gegolten haben, das Genitium, das wie eine richtige Werkstatt mit verschiedenen Graden von Funktionären gearbeitet hat, deren Fachkenntnisse hoch geschätzt waren. Die vielen Volksrechte erwähnen oft die Vorsteherin des Genitiums und immer sind höhere Bussen für Verletzung einer solchen Vorsteherin festgelegt. Auf hohe Wertschätzung der weiblichen Gewerbearbeit lässt auch eine Bestimmung im Anhang der Lex Frisionum, Judicia Wulemari, schliessen, die hier angeführt sei, obwohl sie sich nicht auf Webarbeit bezieht. Darin werden „foeminae fresum fa- cienti“ mit Harfenspielern und Goldschmieden verglichen.3 Es gibt auch Belege da¬ für, dass Frauen von dem einem in das andere Genitium übersiedelten und edle Frauen auch ihr eigenes Frauenhaus leiteten „inter genitiarias suas residere“. Übrigens

1 Der Vorteil wird von Kober, a. a. O., S. 37, bezweifelt. Er behauptet dass die Werkstattarbeit in dem Genitium eher hemmend auf die Entwicklung eines berufmässigen Gewerbes wirkte, da sie den Hufen einen Teil der Arbeitskräfte entzog (!). Diese soziologische Beurteilung scheint mir aber nicht mit dem Urteil über die Qualität der betreffenden Leistung zusammenfallen zu müssen. Er sieht die Hauptquelle der späteren Gewerblichkeit in der bäuerlichen Tucherzeugung, die sich in Deutschland, besonders gerade in den Gegenden entwickelt hat, wo die Fronhofwirtschaft gar nicht oder erst spät Eingang gefunden hat. Es dürfte doch hier hervorzuheben sein, dass sich die Erzeugnisse dieser Hausbetriebe, ge¬ mäss demselben Verf. (S. 53) später, im 12. Jhdt., der flandrischen Erzeugung unterlegen erwiesen, die über eine sehr spezialisierte und rationalisierte Organisation verfügte. Für den Bedarf des Fernhandels muss man wohl mit dem Haus- fleiss der unfreien Hufner und der Freibauern wie auch mit einer höher qualifizierten Werkstattarbeit rechnen.

2 Der Fronhof, „hoba salica“, (Fron = Pflichtarbeit) ist der vom Grundherren in Eigenwirtschaft bebaute Hof mit den davon abhängigen zins- und dienstpflichtigen Gütern, „hörigen Hufen“. Man unterscheidet königliche, geistliche und weltliche Grundherrschaften. Eine solche kann aus einem Verband mehrerer Fronhöfe bestehen. Über den wirt¬ schaftlichen Charakter der Grundherrschaften sind die Meinungen geteilt. Von der älteren, „hofrechtlichen“ Theorie wird sie als eine in sich abgeschlossene Wirtschaftseinheit angesehen, die ihren eigenen Bedarf hauptsächlich selbst decken konnte. Die jüngere Forschung aber, vor allem durch A. Dopsch vertreten, hebt die grosse Bedeutung des berufsmässigen Handels und der Gewerbetätigkeit besonders hervor. Naheliegenden Fragen werden von Dopsch ausführlich erörtert (Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kulturentwicklung, II, S. 383 ff). An dieser Stelle möchte ich Dr. Jur. H. Patzelt aus Wien für seine wertvollen Hinweise auf die einschlägige wirtschaftsgeschichtliche Litera¬ tur danken.

3 Klumker, a.a. O., S. 67. Es haben sehr geteilte Meinungen über die Übersetzung des Wortes „fresum“ ge¬ herrscht. Klumker ist der Ansicht, dass es die Fransen bezeichnet, die die Mäntel abschlossen. Es ist jedoch fraglich, ob diese solche Fransen hatten. Hier sei statt dessen vorgeschlagen, das Wort mit jener Art von Arbeit zu identifizieren, die im vorliegenden Buch unter Kap. VIII und IX beschrieben wird.

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DRITTES KAPITEL

erscheint in den Urbaren des 9. 13. Jhdts. die Weberei durchwegs als Frauen¬ arbeit.1

Setzt man eine solche Produktion mit alten Handwerkstraditionen voraus, so braucht man sich nicht über eine Gleichförmigkeit zu wundern, die 2, vielleicht 3 Jahrhunderte umfasst. Ein Teil der Birkagräber reicht bis in die Mitte des 10. Jhdts. herauf, während die ältesten im Norden bekannten Exemplare desselben Typs sich aus der Mitte des 8. Jhdts. datieren, also ungefähr gleichaltrig mit dem oben ge¬ nannten deutschem Fund sind.

Nimmt man nun die Hypothese auf, dass die feinen Wollstoffe, die durch den friesischen Handel in bedeutenden Mengen nach Skandinavien gebracht wurden, in Genitia gewebt wurden, so muss man folgerichtig die Voraussetzung machen, dass die entsprechenden Fronhöfe innerhalb eines verhältnismässig zusammenhängenden Gebietes, das über gesicherte Bezugsquellen von Rohstoffen verfügte, wahrscheinlich also in Küstengebieten, lagen. Die verschiedenen Typen bezeichnen vielleicht ge¬ trennte Werkstätten Genitia oder Gruppen derselben. Nach dem oben Vorge¬ brachten dürfte m. E. Verschiedenes dafür sprechen, dass wenigstens ein Teil dieser Gebiete auf dem Kontinent gelegen war, irgendwo auf dem Küstenstrich zwischen Weser und Somme; doch ist eine nähere Bestimmung kaum möglich.

Damit ist jedoch keineswegs gesagt, dass gar kein „friesisches Tuch“ in England hergestellt wurde oder dass die exklusive Produktion, von der die feineren Birkastoffe Zeugnis ablegen, dem Begriff „pallia Fresonica“ völlig entsprechen. Sicher hat diese Bezeichnung eine viel weitere Bedeutung gehabt, wahrscheinlich umfasste sie auch einfachere Produkte und Erzeugnisse eines mehr häuslichen Fleisses. Wir haben be¬ reits einen der Beweise dafür angeführt, dass die friesischen Kaufleute mit englischen Waren gehandelt haben. Es ist auch sehr leicht möglich, dass einige der gröberen unserer Birkastoffe auf den britischen Inseln hergestellt worden waren, besonders gilt dies von dem stark verfilzten Fries, „vadmal“ (W 42), an dem ein irisches Bronze¬ kreuz befestigt war.

Die betriebsamen friesischen Kaufleute arbeiteten sozusagen sowohl en gros als auch en detail. Sie machten ihre Rundreisen zu den Produzenten und deckten durch Einkäufe auf den Fronhöfen sowohl ihren Bedarf an Fronarbeit als auch an Hufner¬ arbeit, welch letztere in der Regel von einfacherer Art gewesen sein dürfte. Da die Waren nachher in anderen Ländern verkauft wurden, ist es ganz natürlich, dass sich die Warenbezeichnung nach den Kaufleuten oder nach den Verschiffungshäfen rich¬ tete. Derselbe Sachverhalt gilt z. B. für die im Mittelalter oft verwendete Bezeich¬ nung französisches Tuch.2 Hier seien auch jene friesischen Lehnwörter hervorge-

1 Klumker, a. a. O., S. 35.

2 So meinte man z. B. in Florenz im Jahr 1182 mit panni franceschi auch Wollstoffe aus England und Flandern (Edgcumbe Staley, The Guilds of Florence, London 1906, S. 106).

WOLLSTOFFE 47

hoben wie Math , Meth , faschwed. klaepe , kläde (Tuch); dok, duek , faschwed. düker, (Kopftuch, Schleier); skredere , skräddare (Schneider), die bezeugen, dass Stoffe und ähnliche Waren aus Friesland durch friesische Kaufleute nach Schweden importiert wurden.1

1 Elis Wadstein, Friesische Lehnwörter im Nordischen. Skr. utg. af Kungl. Hum. Vetenskaps-Samfundet i Upp¬ sala, 21: 3, 1922.

IV.

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS.

Die Überreste der beiden unten beschriebenen und auf Taf. 9 10 abgebildeten Gewebe sind von grösstem Interesse, nicht zuletzt deswegen, weil sie in un¬ serem Fundmaterial die einzigen erhaltenen Exemplare von wirklich hoch¬ rangigen Webereien sind, deren nordische Herkunft nicht bezweifelt werden kann. Ebensowenig besteht hierüber ein Zweifel bei den broschierten Geweben, die unter M 4 7 beschrieben sind. Obwohl die letztgenannten auch die Bezeichnung „gutes Handwerk“ verdienen, so können sie sich mit der künstlerischen Ausführung und der feinen Qualität der beiden erstgenannten nicht messen. Bezüglich der Material¬ angaben sei auf S. 8 verwiesen.

Gobelinartige Gewebe.

Die Technik muss als Wirkerei1 bezeichnet werden, ein Ausdruck, der hier so zu verstehen ist, dass das immer verschiedenfarbige Schussgarn Stück für Stück in die Kette eingewirkt wird und diese ganz verdeckt. Technisch besteht jedoch ein be¬ deutender Unterschied gegenüber den bekannten Wirkarbeiten den ägyptischen Gewandbesätzen, den orientalischen Kelims, den chinesichen „Kossu“, den europäi¬ schen Bildteppichen, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie alle haben im Grossen und Ganzen eine einheitliche Textur, der Schuss durchläuft die Kette nach einem für das ganze Gewebe einheitlichen System, dem Schussrips, wozu freilich bei den ägyp¬ tischen Textilien Zusätze mit der sogen, fliegenden Nadel kommen.

In den Birkageweben sind dagegen eine Menge verschiedener Bindungseffekte mit einander vermischt; dies geht am deutlichsten aus den schematischen Zeichnungen Abb. r 2 hervor. Wenn die Ripstextur hier vorkommt, wird sie nicht schlicht aus¬ geführt, sondern gleichzeitig mit zwei verschiedenfarbigen Fäden mit einem Effekt, der an ein „wirkliches“ zweifarbiges Gewebe erinnert, z. B. den schwedischen „Rosengäng“.

In dem einen Gewebe (M 2) wird vorzugsweise eine Bindung verwendet, die, schematisch gesehen, an dreibindigen Schussköper erinnert, dem Gewebe jedoch eine

1 Diese Bezeichnung für die Technik z. B. der Gobelin-Teppiche ist schon lange in der kunstgeschichtlichen und kunstgewerblichen Literatur allgemein gebräuchlich. Beachte aber, dass Schlabow (a. a. O., S. 14) mit dem Wort Wirken einige Technikarten bezeichnet, die er dem Begriff Weben gegenüberstellt.

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS

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Abb. 12. Schema der in M I und M 2 vorkommenden Arten von Wirkerei.

füllige und dichte Oberfläche ohne deutliche Webetextur gibt. Die für schmale Rhomben oder Winkelbänder verwendete Fadenlage c und d ist als Variation des¬ selben Systems anzusehen.

Die von den norrländischen Bildteppichen her bekannte Broschiertechnik („Snärj- vävnad“)1, für welche hier aus praktischen Gründen die Bezeichnung „Soumak“ ge¬ wählt wird, kommt oft in beiden Geweben vor, vorzugsweise als Umrahmung einer grösseren Fläche (Abb. 1 2 a, f). Eine Technik, die dagegen seltener sein dürfte, veran¬ schaulicht die Figur f, welche den Hauptteil der Gewebe M i ausmacht. Sie zeigt den Effekt einer regelmässigen Mauer aus rechteckigen Blöcken en miniature 5 „Steine“ in der Breite und io 11 St. in der Höhe per cm. Gewöhnlich sind 2 oder 3, in Ausnahmsfällen ein oder mehrere solche „Steine“ nebeneinander in der¬ selben Farbe ausgeführt. Mit bewundernswerter Gleichmässigkeit und Festigkeit ge¬ arbeitet, bringt diese Technik eine äusserst dekorative Flächenwirkung hervor und ausserdem eine Formsicherheit, die auch heute noch trotz des kleinen Masstabes und trotz des verfallenen Zustandes des Gewebes auffällt. In neu¬ em Zustand mit frischen Farben muss der koloristische Effekt prachtvoll gewesen sein. Gerade die eigenartige Textur mit kleinen Farbenpunkten lässt uns an die Perlenstickereien späte¬ rer Zeiten oder ein Mosaik mit regelmässigen Steinen denken.

1 Erik Salven, Bonaden frän Skog, Abb. 30 32.

4 37823. Birka III.

Abb. 13. Schema zu M 3.

VIERTES KAPITEL

Im Begriff Wirkerei ist nun freilich enthalten, dass der Eintragfaden zwischen die Kettenfäden frei eingewirkt oder eingeflochten wird. Doch in einer Reihe von Fällen, u. a. in der Tapetenwirkerei u. dgl., verstand man es, die Arbeit durch eine Art von Fadentrenner einem Mechanismus zur „Fachbildung“ zu erleichtern, wodurch man mit einem Handgriff alle ungeraden Kettenfäden für sich allein und ebenso alle geraden emporheben konnte; jedes Weberstäbchen mit entsprechender Garnfarbe wird dann durchgezogen, ebenfalls mit einem Handgriff, gleich rasch, ob das Weberstäbchen nun viele oder wenige Kettenfäden durchlaufen soll. Ein solcher Webstuhl er kann sowohl mit stehender als auch mit liegender Kette eingerichtet

Abb . 14. Muster Schema zu M I.

werden bringt begreiflicher Weise einen bedeutenden Zeitgewinn mit sich, zwingt aber auch zur Beibehaltung eines und desselben Bindungssystems. Bei dem primitiven Flechtrahmen, wo die Kettenfäden ohne weiters über dem Rahmen gespannt sind und wo das Weberstäbchen eingewirkt werden muss ähnlich wie die Nadel beim gewöhnlichen Strumpstopfen, hat der ebenmässige Gang des Weberstäbchens keinen praktischen Vorteil. Die Arbeit geht ungefähr gleich langsam von statten, welches System man nun befolgt.

Dass die beiden Gewebe M 1 und 2 auf einem recht einfachen Gerät, d. i. irgend¬ einem Flechtrahmen angefertigt wurden, erscheint mir annehmbar, unter der Voraus¬ setzung, dass die hier gegebenen Beschreibungen der Webetechnik richtig sind. Ein Mechanismus zur Fachbildung wäre in einem solchen Fall nur hinderlich gewesen. Um die Frage zu beantworten, wie dieser „Wirkstuhl“ im einzelnen ausgesehen hat, dazu bieten die erhaltenen Stoffreste in ihrer Unvollständigkeit begreiflicher Weise zu

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS

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geringe Anhaltspunkte. Ein interessantes Ding ist indessen die uns erhaltene, in M i oben zu sehende Brettchenborte, auf der offenbar die Kette aufgehängt war. Hier haben wir also eine direkte Übereinstimmung mit einer Menge anderen nordischen Textilmaterials von der römischen Eisenzeit und der Völkerwanderungszeit in Norwegen, Dänemark und Schleswig-Holstein über die Wikingerzeit (Oseberg) und die jüngste Eisenzeit in Finnland bis zu dem noch erhaltenen volkskundlichen Mate¬ rial im Baltikum und im norwegischen Finnmarken, das ja teilweise bereits in Kap. III berührt wurde.

Auch im übrigen stehen unsere Gewebe den norwegischen Bildteppichen aus der

Abb. 15. Musterschema zu M 2.

Wikingerzeit, sowohl was die Webtechnik als auch den Stilcharakter betrifft, äusserst nahe. Ein direkter Vergleich mit den grossen, relativ gut erhaltenen Stücken des Osebergfundes mit ihren reichen figuralen Darstellungen muss natürlich zum Nach¬ teil der schwedischen Fragmente ausfallen, bei denen sogar die geometrischen Muster undeutlich sind. Die übereinstimmenden Momente sind jedoch so stark, dass man nicht daran zu zweifeln braucht, dass alle beide Früchte desselben Stammes sind. Ein eingehender Vergleich kann begreiflicher Weise nicht angestellt werden, ohne dem grossen Werk über das norwegische Textilmaterial von Björn Hougen vorzugreifen, das eben vor seiner Vollendung steht. Dr. Hougen war indessen so liebenswürdig, mir Gelegenheit zu geben, die Osebergtextilien kennen zu lernen und immerhin so weit zu studieren, dass ich alle jene vier Typen der Technik feststellen konnte, die auf unserer schematischen Zeichnung abgebildet sind (a, b, c und f).

Hier sei hervorgehoben, dass Hougen der Auffassung ist, die norwegischen Gewebe hätten ausser dem noch sichtbaren Musterschuss aus Wolle einen jetzt vermoderten Grundschuss aus Leinen gehabt, also ebenso wie die nordschwedischen Gewebe des

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VIERTES KAPITEL

Mittelalters aus överhogdal und Skog1, mit denen die norwegischen im übrigen ja nahe verwandt sind. Der gegenwärtige Zustand der Birka-Fragmente macht es leider unmöglich festzustellen, ob es auch hier einen leinenen Grundschuss gegeben haben kann. Wahrscheinlich hat sich das Muster in M i von einem jetzt verwitterten leinenen Hintergrund abgehoben, ob dieser aber in Übereinstimmung mit dem übrigen Schuss eingewirkt oder über die ganze Breite des Gewebes eingearbeitet war, wage ich nicht bestimmt zu entscheiden. Die ausserordentliche Dichte der in Birka er¬ haltenen Gewebepartien aus Wolle scheinen gegen die letztere Annahme zu sprechen. Sollte die Annahme Hougens richtig sein, so ist dies muss hier hinzugefügt werden die obenaufgestellte Annahme von einem Wirkrahmen unhaltbar. In die¬ sem Fall muss wohl der Webstuhl mit mechanischer Fachbildung ausgerüstet gewesen sein und dann dürfte ja der Webstuhl mit hängender Kette die grösste Wahrschein¬ lichkeit für sich haben.

Was die Muster in den beiden Birka-Geweben betrifft, so lässt sich darüber leider nicht viel sagen. Von M i ist glücklicher Weise so viel erhalten, dass eine ziemlich wahrscheinliche Rekonstruktion hergestellt werden konnte, Abb. 14. Diese vermittelt den Eindruck eines Flächenmusters mit regelmässigen Wiederholungen: horizontale Reihen von wiederkehrenden Rhomboiden, die voneinander durch breite, mit Orna¬ menten ausgefüllte Zickzackbänder getrennt werden, hinter denen geometrische Figuren, Palmetten und Blätter, vermutet werden können.

Wenn auch nicht gerade originell, so gehört das Motiv doch nicht zu den gewöhn¬ lichsten. Es wäre zu überlegen, ob das Vorbild hierzu nicht in jener Gruppe von Seidenstoffen mit halbgeometrischen Mustern zu suchen wäre, die O. von Falke2 ägyptischen Fabriken zuschreibt, die aber sicherlich an mehreren Plätzen hergestellt wurden. Die in Streifen geschnittenen Seidentücher, die in Oseberg gefunden wur¬ den, dürften, so scheint es mir nach flüchtigem Studium, zu dieser Gattung we¬ nigstens teilweise gehören, und in diesem Fall einen Beweis dafür abgeben, dass solche Stoffe auch unsere nördlichen Breitegrade hätten erreichen können. Dass solche Stoffe auch nach Schweden gekommen sind und dort eine einheimische Erzeugung in¬ spiriert haben, ist mit Rücksicht auf die Seidenfunde ja auch möglich. Doch muss man auch die Möglichkeit offen lassen, dass die in Birka gefundenen Wolldecken norwe¬ gischen Ursprungs sind. In diesem Zusammenhang sei auch hervorgehoben, dass sich im Osebergfund ausser den am meisten beachteten Bildteppichen auch einige Beispiele derselben Technik in geometrisch-ornamentalem Muster finden. Das Mus¬ ter des Eckstückes M 2 (Abb. 15) ist leider sehr unvollständig erhalten. Der viel-

1 G. J:son Karlin, Över-Hogdalstapeten; Erik Salven, a. a. O.; Branting-Lindblom, Medeltida vävnader I.

Ein noch älteres Beispiel dieser allem Anschein nach spezifisch nordischen Wirktechnik wurde neulich entdeckt,

nämlich in Valsgärde, Krsp. Gamla-Uppsala. Nur kleine Reste und zwar nur die wollenen Schussfäden sind erhalten. Diese haben noch eine mit unserem Diagramm, Abb. 12 a und d, ungefähr ähnliche Lage. Der Grabfund (Nr. 8) kann nach Angabe von Greta Arwidsson in die Vendelzeit datiert werden.

2 Kunstgeschichte der Seidenweberei, I, z. B. Abb. 32 34.

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS

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farbige Schrägborte ist ähnlich wie in M i ausgeführt. Sonst scheinen die Orna¬ mente sich von einer ziemlich einheitlichen, roten Grundfarbe abgehoben zu haben.

Die unter dem Signum M 3 beschriebenen Textilfragmente gehören zu einer be¬ deutend gröberen und einfacheren Wirkarbeit, deren Vorkommen uns im Norden zu jener Zeit gerade wegen ihrer Primitivität weniger bemerkenswert erscheint. Nicht nur das Verfahren beim Farbenübergang (Abb. 13), sondern auch der übrige Cha¬ rakter erinnert auffallend an jene schwedische Gewebeart, die als „Rölakan“ bezeich¬ net wird und sich von den ähnlichen orientalischen Kelimarbeiten gerade durch die Technik des Farbenwechsels unterscheidet, die bei den nordischen Geweben ohne offene Spalten hergestellt wird. Leider sind die uns erhaltenen Fragmente zu gering, als dass man weitere Schlüsse über das Muster und das Aussehen des Gewebes ziehen könnte.

M 1. Grab 597. Taf. 10 und 9: 2. Fragmente einer mehrfarbigen Wirkarbeit mit verschiedenen Bindungs¬ effekten. Als die Untersuchung begann, lagen die Fragmente zusammengeklebt mit anderen Wollstoffen in zwei grösseren und einem kleineren Klumpen (ca. 13 X8.5 und 10(14) X 8 cm). Der grösste wurde beinahe völlig von dem vielfarbigen Gewebe verdeckt, das mit der rechten Seite nach unten, mit der verkehrten nach oben lag, wobei ein Teil zurückgeschlagen war. Zu beiden Seiten und auch innerhalb des gefalteten Teiles, zum grössten Teil jedoch unterhalb, lag eine grauweisse, klebrige Schicht, die sich als Federn oder Daunen von Enten erwies (Beil. II). Darunter lag vielfach zusammengeknüllt, zuerst ein mittelstarkes, glattes Köper¬ gewebe (W 36) und darunter, zwei Mal zusammengefaltet, unter einem Teil des Klumpens ein anderer Köper¬ stoff derselben Sorte. Darunter drei Stücke von Rippenknochen. Die beiden anderen Stücke lagen teils an einem gleichartigen Stoff, teils an einem Rautenköper (W 10). Die Konglomerate wurden sorgfältig in Wasser aufgeweicht, worauf die verschiedenen Schichten auseinander genommen und die Daunenschicht vorsichtig entfernt werden konnte. Nur ein grösseres und ein paar kleinere Stücke hingen einigermassen zu¬ sammen. Die genaue Lage der vielen Einzelfragmente zueinander konnte nicht bestimmt werden, teils weil soviel von den dazwischenliegenden Partien zu Grunde gegangen war, teils weil sich Federparti kelchen in dem Gewebe vernestelt hatten, so dass dieses schwer zu erkennen war, bevor es aus dem Konglomerat losgelöst worden war.

Die Kette besteht aus rechtsgezwirntem derbem Wollgarn in gelbem, mitunter graubraunem Farbenton. Kettendichte 9 10 Fäden per cm. Der erhaltene Schuss ist ebenfalls rechtsgezwirntes Wollgarn, jedoch feiner und weicher. Jetzt können deutlich die Farben Rot, Dunkelblau und Gelbbraun unterschieden werden, von dem letzteren verschiedene Nuancen, wovon eine möglicherweise grün gewesen sein kann. Ausserdem deuten einzelne soumakbegrenzte Partien von jetzt blossgelegten Kettenfäden auf einen nunmehr vermoderten Schuss, vermutlich aus Leinen, hin, das auch für einen Teil der kleineren Details verwendet wurde.

Die Technik ist aus der schematischen Zeichnung ersichtlich. Der Schuss verdeckt völlig die Kette. Das Schussgarn ist ohne Hilfe einer mechanischen Fachbildung eingewirkt. Die Flächen sind zum überwiegen¬ den Teil in einer eigentümlichen Bindung gearbeitet, die wir oben mit einer Mauerung verglichen haben (Abb. 12 f). Der Schuss läuft immer oberhalb und unterhalb einer Gruppe von je 2 Kettenfäden, gewöhnlich nur 2 bis 3 Gruppen in jeder Farbe hindurch, und geht mindestens vier Mal in jeder „Steinreihe“ hin und her. Die nächste „Steinreihe“ wird im Zickzack versetzt, wobei die Kettenfäden in neue Gruppen aufgeteilt wer¬ den. Die grösseren Flächen werden im allgemeinen von einer Soumaklinie aus dunkelblauem Garn umrissen.

In den grossen Rauten kommt eine andere Technik vor. Die Fläche hat das Aussehen eines gleichmäs- sigen Schussripses, ist aber in zwei Farben gemustert, wovon die eine helle Linien auf dunklem Grund bildet. Bei der Bildung der Oberseite alternieren zwei Schüsse, wobei die für das Muster nicht verwendeten Faden-

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VIERTES KAPITEL

partien lose („flottierend“) auf die Unterseite zu liegen kommen. Auf diese Weise werden Linien in der Ket¬ tenrichtung gebildet. Linien in der Schussrichtung werden hingegen durch das Soumakver fahren gebildet.

Das Muster ist rein geometrisch und scheint Wiederholungscharakter gehabt zu haben. Es besteht aus grösseren, rhomboidförmigen Feldern mit einem schwach markierten, rechteckigen Muster. Die Felder berühren einander in der Seitenrichtung, nicht aber in der Höhenrichtung, wo die Rauten schräg übereinander wiederkehren, sodass zwischen jeder Reihe eine breite Zickzackborte entsteht, die in „Mauertechnik“ und Soumakverfahren mehrfarbig gearbeitet ist. Diese Zickzackborte wird auf beiden Seiten von einem schmalen Rahmen begrenzt und zwar in 2 oder 3 Farben, die also die Rauten umrahmen. Von den Winkeln geht we¬ nigstens bisweilen ein grosses Blatt oder ein palmettähnliches Ornament aus, das von langen Rauten, möglicherweise Blätter darstellend, umgeben ist. Von der letzteren Form sind viele lose Fragmente vor¬ handen, die sämtliche ebenso wie die Eckenornamente in Rot mit blauer Kontur ausgeführt sind. Die leeren Kettenfäden in der Umgebung lassen erkennen, dass sich die Ornamente ursprünglich von einem gemein¬ samen Hintergrund abgezeichnet hatten, der jetzt vermodert ist, von dem man aber mit grösster Wahrschein¬ lichkeit annehmen kann, dass er aus Leinen bestanden hat. Wie der jetzt verschwundene Schuss gearbeitet war, kann man nicht wissen, es ist jedoch recht wahrscheinlich, dass es einfacher Rips war, wodurch die farbige Ornamentik kräftiger hervorgetreten wäre.1

Von den mit Linienmustern ausgefüllten Feldern scheinen wenigstens zwei roten Grund gehabt zu haben, der wahrscheinlich mit weissem Flachsgarn gemustert war. Von dem Muster sind in der einen Richtung nur die blossgelegten Kettenfäden übrig und in der anderen Richtung eine Reihe Löcher von den Stichen. Ein Feld ist mit gelbem Wollgarn auf grünem (?) Grund gearbeitet; diesem Feld haben wir es, obwohl es sehr beschädigt ist, zu verdanken, dass wir die Technik feststellen konnten. Von einem blauen oder grünen Feld ist nur ein sehr kleines Fragment übrig, doch gerade dadurch wird die Wiederholung dieser Technik in der oberen Rauten¬ reihe bewiesen.

M 2. Grab 739. Taf. 9: 1 u. 3. 2 grössere Fragmente einer mehrfarbigen Wirkarbeit mit verschiedenen Bin- dungseffekten. Das grössere Stück ist an der Rückseite an einen Torfklumpen festgeklebt, von dem es sich wegen seiner grossen Brüchigkeit nicht loslösen lässt. Sicherlich stellt es die Ecke eines rechteckigen Mantels oder einer mit Bändern eingefassten Decke dar. Das Gewebe ist nachgedunkelt und seine Oberfläche stark beschädigt, weshalb die Ausgestaltung des Musters nicht immer zu unterscheiden ist. Es treten jedoch deutlich die Farben Rot (überwiegend, wahrscheinlich als Grundfarbe), Dunkelblau oder Blauschwarz und eine hellere, grünliche Farbe hervor; ausserdem Weiss bei kleineren Details. Das Muster zeigt Flächencharakter mit dia¬ gonalen Streifen und Rauten auf dem roten Hintergrund, oft in einer detaillierteren Ausführung, z. B. die dunkelblaue Raute mit einem regelmässigen Knotenmotiv in Weiss. Die Komposition hat keine Rücksicht auf die Ecke genommen.

Die Technik lässt sich am besten an dem kleineren Fragment studieren, das von beiden Seiten zu sehen ist. Die Kette besteht aus ziemlich zartem, rechtsgezwirntem Wollgarn in gelblichem Farbton; Dichte 7 8 Fäden per cm. Der Schuss ungefähr von demselben Garn in 3 Farben sowie aus weissem Leinengarn, das jetzt hart und äusserst empfindlich ist. Der Schuss verdeckt völlig die Kette, ist nach verschiedenen Bindungs¬ systemen eingearbeitet, wie aus den schematischen Zeichnungen hervorgeht. Die meisten Flächen sind in einer Art ausgeführt, die an einen dreibindigen Köper (Abb. 12 b) erinnert, d. h. der Schussfaden geht über 2 und unter 1 Kettenfaden hindurch, obwohl nicht völlig regelmässig. Ein paar Male ist die Textur wie ein Rips, das eine Mal aber in abweichender Farbe gemustert, wobei die Ausführung mit dem vorhergehenden Gewebe und zwar mit Abb. 14 e übereinstimmt. Die diagonalen Linien zwischen den verschiedenen Figuren werden durch Soumak in abweichender Farbe markiert. Breitere, schrägverlaufende Linien sind wie c und d ausge¬ führt.

1 Über die Möglichkeit eines durchlaufenden Grundschusses kann man sich, wie bereits hervorgehoben, in diesem Fall nicht mit Bestimmtheit äussern. In dem Modellgewebe (Taf. 38: 8) wurde der leinene Eintrag stückweise ein¬ gewirkt.

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS

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Die beiden Eckborten sind Brettchenborten, aus Wollgarn in drei Farben hergestellt. Das horizontale Band, das leider zerfallen ist, wurde offenbar durch Wechseln der Brettchen gemustert; nur die ganzblaue Randschnur zeigt eine stets gleichlaufende Drehung. Der Schuss dieses Bandes besteht aus den Kettenfäden des Gewebes. Das Ende des Bandes ist umgebogen. Das andere, vertikale Band ist schmäler, sonst aber gleich¬ artig. Es ist ein wenig über den Rand des Gewebes gelegt und war vermutlich angenäht. Masse: das ungefähr viereckige Stück gegen 7x7 cm; das zerfallene Band der Länge nach 10 cm, berechnete Breite 20 25 mm. Unregelmässiges Stück, grösste Ausdehnung in beiden Fadenrichtungen 5x5 cm.

M 3. Grab 825. Taf. 9:4. Fragmente einer gröberen Wirkarbeit wie schwedisches Rölakan. Es sind 3 Stücke, jedes kaum 4 6 cm2 gross; zwei waren mit einem Rautenköperstoff zusammengeklebt.

Die Kette ist völlig vermodert und hat nur einige unbedeutende Spuren in einem der F ragmente hinter¬ lassen, vermutlich aus Flachs. Von dem Gewebe sind nur die dicht liegenden Schussfäden aus linksgezwirntem Wollgarn, teils in roter, teils in gelber Farbe übrig. Bei dem einen Stück ist deutlich der Übergang zwischen den beiden verschiedenfarbigen Schüssen zu sehen, in dem Diagramm Abb. 15 verdeutlicht. Die Schussdichte ist 7 8 Fäden per cm. Am Rand des losen F ragmentes ist derselbe Faden Wechsel, obwohl undeutlich, zu sehen, das dritte Stück ist jedoch so beschädigt, dass die Fadenlage nicht bestimmt werden kann.

Broschierte W illgewebe.

Fünf Beispiele von broschierten Geweben sind vorhanden, die ihrem ganzen Cha¬ rakter und der Zeichnung nach dem schwedischen „Krabbasnär“ nahe stehen, d. h. sie haben einen Hintergrund in Leinwandbindung oder Rips und einen flottierenden Musterschuss, der frei in das Gewebe eingearbeitet ist.

Im Gegensatz zu den jüngeren nordischen Geweben ist jedoch das Grundge¬ webe aus Kettenrips hergestellt, d. h. die Kette ist sehr dicht und verdeckt gänzlich den Schuss. Wie bei den jüngeren Geweben verschiebt sich der Stich des Muster¬ fadens jedes Mal nach der einen Seite, wodurch der typische Diagonalcharakter entsteht. Bei sehr langen Stichen wird der flottierende Faden in gewissen Intervallen unter einen Kettenfaden gebunden.

Das Mustergarn ist immer bedeutend gröber und andersartig als der Faden des Grundgewebes, wahrscheinlich war es auch abweichend in der Farbe. Einige sehr beschädigte Überreste erinnern an ein lanciertes Gewebe in der Art des schwe¬ dischen „Opphämta“. In dem grossen Stück M 4 aber kehrt der Musterfaden bei der Umrisslinie sogleich um, ähnlich wie bei dem späteren südschwedischen Krabbasnär.

In dreien der erhaltenen Exemplare, M 4, 5 und 8, hebt sich das Muster aus gro¬ bem, gezwirntem Wollgarn, in dem erstgenannten plus einem jetzt vermoderten Garn aus Leinen? von einem relativ feinen Wollgrund ab. Das zuletzt zum Vorschein gekommene Fragment M 8 hat ein schütteres Grundgewebe mit verschiedener Farbe für Kette und Schuss gehabt. Das kaum mehr zusammenhängende M 6 war offen¬ bar ein ziemlich zartes, weisses Leinengewebe mit einem Muster aus besonders gro¬ bem, gezwirntem Wollgarn in dunkler Farbe. In dem sehr undeutlichen, von beiden Seiten abgebildeten Fragment M 7 ist das Muster aus hellem, augenscheinlich ge¬ zwirntem Leinengarn auf dunklem Ripsgrund ausgeführt.

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VIERTES KAPITEL

Gegenstücke zu diesen Geweben sind auch unter dem erhaltenen vorgeschicht¬ lichen Material Norwegens zu finden. Im Osebergfund sind recht grosse Mengen von Wollgeweben mit kräftigen, broschierten Ornamenten desselben Charakters wie M 4 erhalten, wenn auch, soweit ich mich erinnern kann, bedeutend gröber. Unter den erhaltenen Kleidungsstücken der finnischen Eisenzeit gibt es ebenfalls ähnliche Wollgewebe.

M 4. Grab 660. Taf. 11: 1 3. Fragment aus Wollgewebe mit broschiertem Muster, dem sogenannten Krabbasnär nahe verwandt. Das Grundgewebe ist Kettenrips aus ziemlich dunklem, linksgesponnenem, har¬ tem und glattem Garn. Die Kette verdeckt ganz den Schuss und war wahrscheinlich dunkler als der letztere; Kettendichte 30, Schussdichte 6 per cm. Die Musterornamente waren einbroschiert und bestanden aus grobem, linksgesponnenem Garn mit wolliger Oberfläche. Gut erhalten ist der Teil eines Ornaments, der ursprüng¬ lich rot gewesen zu sein scheint. Ausserdem lassen sich deutliche Löcher von einem gleichartigen Motiv unterscheiden, dessen Garn jedoch völlig vermodert ist. An der Schmalseite des Stückes lag, mit der Oberseite angeklebt, ein Fragment von „Sprang“ (D 8).

Die Ausmasse des beschriebenen Fragmentes sind ungefähr 11x5 cm. Ein kleines rundes Loch, auf der Photographie zu sehen, rührt ganz bestimmt von einer Wurzelfaser her, die unter der Erde hindurchgewachsen ist. Überdies wurde ein Stück von genau derselben Sorte wie das Grundgewebe gefunden, jedoch ohne Spur eines Musters, in einem grösseren Klumpen, der sich unter einer Spange erhalten hat. Ganz in der Nähe der Spange lag ein zarter Wollstoff mit Seidenstreifen und wahrscheinlich direkt darunter das oben beschriebene Ripsgewebe.

M 5. Grab 739. Taf. 11:4. Kleines Fragment eines Wollgewebes mit broschiertem Muster, ähnlich dem vorhergehenden. Das Grundgewebe ist Kettenrips in blauschwarzem Farbton; Kettendichte ungefähr 28, Schussdichte 6 Fäden per cm. Der Musterschuss besteht aus grobem, linksgezwirntem Garn in rötlichem Ton.

Masse 2.5 X 1.3 cm. Das F ragment lag bei einem Eisenschlüssel, der Rost erzeugt hatte, welcher jedoch in bedeutendem Grad beim Einweichen in Wasser aufgelöst wurde.

M 6. Grab 735. Taf. 11:5. Fragment eines broschierten Gewebes aus Leinen (?) und Wolle. Das Grund¬ gewebe bestand mit grösster Wahrscheinlichkeit aus weissem Leinen, jedoch sind hiervon jetzt nur kleine Par¬ tien einer spröden, hellen Masse mit undeutlicher Struktur eines Kettenripses übrig. Dessen Fadendichte war sehr fein, kann aber nicht festgestellt werden. Der im Verhältnis zum Grundgewebe sehr grobe Muster¬ schuss hat eine Dichte von ungefähr 7 Fäden per cm gehabt. Er besteht aus linksgezwirntem Wollgarn in einem dunklen, blaugrünen Farbton. Bei jedem „Stich“ läuft der Musterfaden ein bestimmtes Stück unter ein paar Kettenfäden, so dass die Abbindungspunkte diagonale Linien bilden. In dem kaum 6 cm langen F ragment sind die meisten Schussfäden abgeschnitten, doch ein paar Beispiele von Musterfäden, die umkehren, beweisen, dass der Musterschuss nur stückweise in das Gewebe eingearbeitet (broschiert) war.

M 7. Grab 943. Taf. 11:7. Fragment eines broschierten Gewebes aus Wolle und Leinen(?). Das Grund¬ gewebe ist dichter Kettenrips aus hartem, linksgesponnenem Garn in einem dunklen blaugrünen Farbton. Kettendichte 24 26, Schussdichte 6 bis 7 Fäden per cm. Der Musterschuss ist hell, aus einem gezwirnten, jetzt jedoch abgeplatteten und spröden Garn, das aus Leinen gewesen sein dürfte. Das Garn geht durch das Grundgewebe in regelmässigen, auf beiden Seiten gleich langen Stichen hindurch und bildet so diagonale Linien. Das Fragment, ungefähr 6 X4.5 cm, war mit einem sehr groben Wollstoff zusammengeklebt.

M 8. Grab 968. Taf. 11:6. Fragment eines broschierten Gewebes aus Wolle. Das Grundgewebe ist schüttere Leinwandbindung, Kette und Schuss in verschiedener Farbe. Die Kette schwarzbraun, 12—14

MUSTERGEWEBE AUS WOLLE UND FLACHS

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Fäden per cm, der Schuss hellbraun, 9 Fäden per cm; immer linksgesponnenes und sonst gleiches Garn. Die Broschierung ist aus zweifädigem, rechtsgezwirntem Garn (jeder Teil ungefähr in der Stärke des einfachen Gar¬ nes) in roter und blauer Farbe hergestellt. An dem grössten Stück (kaum 3x4 cm) ist ein doppelter diagonaler Streifen in Gelb und senkrecht dazu ein einfacher roter Streifen zu sehen. Der Musterfaden geht jedes Mal über 5 Kettenfäden. Auf einem kleineren Fragment ist ein etwas breiterer roter Streifen in der Richtung der Kette zu sehen.

Die Fragmente lagen, teilsweise doppelt zusammengefaltet, auf Stücken von zartem dreibindigem Stoff (gleich W 18) auf der Oberseite einer ovalen Spange. Darüber Reste von Biberpelz.

Sehr beschädigte, bisweilen nicht sicher bestimmbare Überreste von Geweben ähnlich W 4 8 wurden in 7 weiteren Gräbern gefunden.

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Zum Schluss sei auch auf eine Anzahl Beingeräte hingewiesen, die in der Schwar¬ zen Erde gefunden wurden. Taf. 39 zeigt eine kleine Auswahl davon. Es scheint mir kaum ein Zweifel darüber zu bestehen, dass diese hauptsächlich textilen Zwecken gedient haben, wenn auch einzelne eine andere Verwendung gefunden haben können. Die Nadeln es sind wenigstens ein paar hundert sind nach Grösse und Form sehr verschieden. Mehrere haben einen flachen, mehr oder weniger ornamental aus¬ gestalteten Kopf, oft ohne Öse, einige sind mit Ritzen o. dgl. schön verziert, andere wieder sehen wie gewöhnliche, wenn auch sehr grobe Nähnadeln aus. Sicher konn¬ ten solche Nadeln zu verschiedenen Zwecken verwendet werden; unter anderem zum Herstellen von Zierknoten. Die längeren, künstlerisch ausgestalteten Nadeln mit oder ohne Öse möchte ich gerne als Webestäbchen bezeichnen, die jenen entsprechen, die heute noch bei der Gobelinweberei gebraucht werden. Auf solchen war das Schussgarn aufgewickelt, wenn Gewebe der obenbeschriebenen Art hergestellt wur¬ den. Mit Vorteil könnten sie auch beim Einbroschieren von Mustern in Gewebe wie M 4 8 oder auch bei der Brettchenweberei verwendet werden.1 Das einzelne Gerät mit kammartigem Abschluss2 mag sich dazu geeignet haben, den Schuss in den oben beschriebenen Geweben M 1 und 2 zuzuschlagen.

1 Bei der Veröffentlichung eines norrländischen Fundes aus der Völkerwanderungszeit hat E. Festin (Brunflofyn- det, Festskrift tili E. Modin, Jämten 1937) zum Vergleich mit dem dazugehörigen löffelförmigen Knochengegenstand einige Geräte (aus den 17. und 18. Jhdt.) herangezogen, die bei der Bandweberei verwendet wurden. Obgleich verschiedenförmig ausgestaltet, sind sie alle sowohl zum Aufwickeln des Fadens wie auch zum Zuschlägen des Gewebes besonders geeignet und erinnern daher an etliche der ,, Nadeln“ aus Birka.

2 Ebenso wie etliche von recht ähnlicher Form, aber in ärmlicherer Ausführung, wie sie an vielen Stellen, u. a. in Sigtuna, gefunden wurden.

V.

SEIDENSTOFFE

Fragmente von Seidengeweben kommen in ziemlich grossem Umfang in ungefähr 45 Gräbern vor. Gewiss sind diese Überreste, jeder für sich be¬ trachtet, sehr unscheinbar und beschädigt, sie reichen jedoch dazu aus, um eine Musterkarte von dem keineswegs unbedeutenden Import zu liefern. Denn dass die Seidenstoffe zur Gänze Importware darstellen, darüber kann wohl kein Zweifel herrschen.

Der gewöhnlichste Seidenstoff, S 4, man ist versucht, den Ausdruck Standard¬ qualität zu gebrauchen , ist der im Mittelmeergebiet zu jener Zeit gewöhnliche Typ, der als 3-bindiger Doppelköper auf Bindekette und musterbildender Füllkette bezeichnet werden kann. Er kommt in feineren und gröberen Qualitäten vor, in mehr oder weniger ebenmässiger und feiner Ausführung, ungemustert oder mit Spuren von Musterung, doch in technischer Hinsicht so einheitlich, dass man kaum daran zwei¬ feln kann, dass diese Ware im Grossen und Ganzen aus ein und demselben Fabrika¬ tionsort stammt. Technisch gesehen, gehört auch der dünne gestreifte Seidenstoff S 5 aus Grab 944 hierher, obwohl er im ersten Augenblick einen anderen Eindruck macht.

Die Köperbindung ist aus Abb. 16 ersichtlich. Sie hat zwei Kettensysteme. Auf der Oberseite gleicht das Gewebe einem wirklichen Köper (dreibindigen Schussköper); die verkehrte Seite ist anders, siehe Taf. 12: 2. Beim Mustern werden Effekte durch verschiedene Farben des Schussgarnes erreicht, welches sozusagen den Platz tauscht; die Oberfläche ist jedoch immer einheitlich. Den beiden Ketten kommt eine verschie¬ dene Funktion zu: die Bindekette bindet den Schuss und ist von der rechten Seite sichtbar, während die musterbildende Füllkette im Gewebe und beim Wechsel der Schussfäden als Stütze dient. An dem Punkt oder auf der Linie, wo der Farben¬ wechsel stattfindet, entsteht auf der Oberseite eine Ungleichmässigkeit oder Furche, die einzige Tatsache, die uns noch über die Stoffe, die ja vollständig ihre Farben ver¬ loren haben, Auskunft gibt, dass sie gemustert waren.1

Das Material in diesen Köperstoffen ist Edelseide, die mehr oder weniger völlig entbastet, vom „Seidenleim“ befreit worden ist. Zum Unterschied von einer Reihe

1 Die Bezeichnung „Polymita“ bzw. Rips- und Köperpolymita für diese Schussgewebe wurde von Vivi Sylwan eingeführt. Studier i senantik textilkonst, Nägra skaftvävnader, Rig 1923, die ein von Plinius u. a. gebrauchtes Wort aufgenommen hat.

SEIDENSTOFFE

59

anderer Beispiele für dieselben Stoffe haben die Birkafragmente mit Ausnahme von S 5 immer doppelte Füllkette: zwischen jedem Bindungsfaden laufen immer 2 Füll¬ fäden. Im Osebergfund sind eine Menge gleichartige Streifen gemusterten Doppel¬ köpers erhalten, dort ist jedoch die Füllkette, wenigstens in vielen Fällen, einfach.

Bei weitem nicht so oft wie Doppelköper, nur 5 6 Mal, kommt eine sehr gut gewebte, ungemusterte Taftseide vor, deren Material sich bei der mikrochemischen Untersuchung als Rohseide herausstellte; die feinen Kokonfäden sind noch vom Seidenleim umhüllt. Obwohl Rohseide im allgemeinen nicht so hoch geschätzt ist, so haben wir doch Grund zur Annahme, dass diese Stoffsorte hier als eine Seltenheit und Kostbarkeit betrachtet wurde. Sie wurde immer mit auffallender Sparsamkeit und im Zusammenhang mit den vornehmsten Zieraten, als Hintergrund für die feinsten Stickereien (z. B. den „Goldhirsch“) oder in millimeterschmalen Streifen als

Abb. 16. Schema zu Doppelköper S 4. Links ungemustert, rechts Fadenlage bei Farbenwechsel.

Kanten an Goldbändern verwendet; in letzterem Fall offenbar zu dem Zweck, um im Kontrast mit dem Gold einen besonderen Farbeneffekt hervorzurufen. Es ist möglich, dass diese hohe Wertschätzung seinen Grund in der Farbe hat. Welche Farbe es war, darüber können wir uns leider nicht mit Bestimmtheit äussern, weil jetzt alle chemisch reaktionsfähigen Farbstoffe verschwunden sind. Man ist zur An¬ nahme geneigt, dass es eine Farbe war, die gegen das Gold abstach: also rot, möglicher¬ weise blau oder grün, aber kaum gelb, wie Ing. Ljungh vorschlägt (Beil. I). Die Er¬ fahrung zeigt auch, dass sich in Textilien vor allem rote Farben in Gelb oder Braun verwandeln.

Das Material in dem interessanten gemusterten Stoff (S 3) stimmt mit dem glatten Taft überein. Der Stoff ist einfarbig und das Muster wird durch Bindungseffekte erzielt. Das Grundgewebe ist Leinwandbindung, von dem sich die geometrischen Musterungsformen dadurch abheben, dass die Fäden in jedem Fadensystem in der Kette auf der einen und im Schuss auf der anderen Seite ungebunden liegen und dadurch eine glänzende Fläche bilden. Der Stoff hat also keine ausgesprochene Ober¬ oder Unterseite.

Verglichen mit der einheitlichen Textur der Köperstoffe, wo die Musterung durch verschiedene Farben des Schusses erreicht wird, begegnet uns hier ein ganz anderes

6o

FÜNFTES KAPITEL

Prinzip, das auf dem Glanzeffekt der flottierenden Fäden im Gegensatz zur Ober¬ fläche der eng gebundenen Leinwandbindung beruht. Gewebe dieser Art müssen wir wohl als Vorstufen zum wirklichen Damast betrachten. Voraussetzung dazu, dass sich eine solche Technik ausbilden kann, ist die Möglichkeit direkten Bezuges von hochwertigem, d. h. sowohl starkem als auch glänzendem Seidenmaterial.

Obwohl der als S 2 analysierte Stoff Leinwandbindung aufweist und aus Rohseide ist, macht er einen eigenartigen Eindruck, der ihn auffallend von den übrigen unter¬ scheidet. Dem blossen Auge zeigt sich wenig Ähnlichkeit mit Seidenstoffen im all¬ gemeinen. Das Gewebe ist nicht nur sehr dünn, sondern glanzlos und glatt wie

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Abb. iy. Ergänzung des Musters S J.

dünnes Seidenpapier, eine Beschaffenheit, die ihren Grund in einer Art künstlicher Pressung oder Appretur haben muss. Es ist bemerkenswert, dass diese Behandlung durch die Feuchtigkeit, der es durch Jahrhunderte ausgesetzt war, nicht unwirksam gemacht wurde.

Die Untersuchung der Seide S 3 brachte noch eine interessante Überraschung. Unter der Lupe kamen kleine, an der Oberfläche haftende Goldspuren zum Vor¬ schein; sie müssen unbedingt von irgendeiner auf dem Stoff gemalten oder ge¬ druckten Musterung herrühren. Von der Silberborte, unter der der Stoff angenäht war, konnte die Goldfarbe nicht stammen und übrigens zeigten sich die Flecken vom Wasser völlig unberührt.

S 1 a. Grab 824. Xaf. 13: 3. Taftseide. Sehr ebenmässige und enge Leinwandbindung. Dieselbe Zahl 28 St. per cm und dieselbe Sorte Fäden in beiden Richtungen. Laut Materialuntersuchung (siehe

SEIDENSTOFFE

6l

Beil. I) ist der Seidenfaden sehr ebenmässig und besteht aus nahezu 150 Kokonfäden, die nur leicht zusammen¬ gedreht sind. Die Seide ist nicht entbastet d. h. die Kokonfäden besitzen noch den schützenden Seidenleim (Serizin). Die Tatsache, dass die Kokonfäden nicht zusammengesponnen zu werden brauchten, deutet im Verein mit der Ebenmässigkeit des Materials auf eine bemerkenswerte Geschicklichkeit in der Behandlung und der Sortierung der Seide hin. In der Analyse wird die Annahme ausgesprochen, dass die ursprüngliche Farbe gelb gewesen sei eine Ansicht, der die Verfasserin doch kaum beistimmen kann. Der eben beschriebene Seidentaft findet sich in Form einer 2 3 mm breiten Kante rings um ein ungefähr 1 dm langes Stück Band mit Goldschuss (B 22).

In den Gräbern 731 und 750 hat der Taft eine ähnliche Verwendung gefunden. Er bildet auch den Hin¬ tergrund zu den beiden Stickereien St 16 (dem „Goldhirsch“) und St 26.

S 1 b. Grab 731. Am Kettchenansatz an der Rückseite einer kleinen runden Silberspange mit Filigran¬ verzierung schwedischer Erzeugung ist ein kleiner „Riemen“ aus feiner hellbrauner Taftseide angenäht. Der Stoff ist mehrfach gefaltet und mit engen Stichen aus Seide zusammengenäht. Für die Befestigung an der Me¬ tallöse wurde dieselbe Sorte Seidenfaden verwendet.

S 2. Grab 660. Taf. 13: 2. Dünnes, relativ schütteres zweibindiges Gewebe. In dem einen Fadensystem 19 Fäden per cm, in dem anderen, welches ungleichmässig ist, 26 28 per cm. Welches von beiden die Kette gebildet hat, ist ungewiss, doch ist es vermutlich das weniger dichte und regelmässigere.

Der Faden ist glanzlos und bei gewöhnlicher Untersuchung mit normaler Lupe gleicht er nicht Seide. Die kleinen Stoff-Fragmente sind dünn und flach und sehr brüchig; dem Aussehen nach gleichen sie eher dünnem Seidenpapier als einem Gewebe. Die chemische Analyse (Beil. I) ergab jedoch, dass das Material Rohseide ist. Jeder Faden im Gewebe besteht aus einer ungleichen Anzahl Kokonfäden, welche zusammengeklebt und ohne weitere Zwirnung verwebt wurden. Für das eigentümliche Aussehen des Gewebes gibt die Analyse keine Erklärung. Man muss jedoch annehmen, dass es irgendeiner künstlichen Pressung oder Appretur unter¬ worfen worden war, welche Behandlung merkwürdiger Weise eine Jahrhunderte lange Durchnässung nicht hatte unwirksam machen können.

Oben beschriebene Stoff-Fragmente wurden zusammen mit Seidenstreifen (S 4) gefunden und lagen teilweise mehrfach gefaltet.

S 3. Grab 944. Taf. 13:4 u. Abb. 17. Dünne Seide, gemustert mittels Bindungseffekten. Der Muster¬ rapport ist nirgends zur Gänze erhalten, er kann jedoch mit grösster Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden, wie aus Abb. 17 hervorgeht; abwechselnde kleine Quadrate und grössere stufenförmig begrenzte Vierecke, die mit kleinen Punkten oder Sternen ausgefüllt sind. Der Grund besteht aus ziemlich gleichmässig abge¬ wogener Leinwandbindung. Das Muster wird dadurch gebildet, dass die Fäden (auf der einen Seite die des Schusses, auf der anderen die der Kette) 3, 5 oder 7 quer gestellte Fäden überspringen und ungebunden („flot¬ tierend“) darüber liegen. Der Übergang von dem einen zum andern Bindungssystem erzeugt natürlich für das Muster diagonale Linien. Wie oben hervorgehoben wurde, ist diese Technik auf dem Unterschied im Effekt der matten Oberfläche der Leinwandbindung und dem Glanz der flottierenden Fäden aufgebaut; dies gilt vor allem dann, wenn das Gewebe dicht ist. Vgl. Taf. 38: 6 7.

Bei einem so durchsichtigen Gewebe wie dem vorliegenden wird ein weiterer Effekt erzeugt, der am meisten in der Aufnahme des alten Stoffes ins Auge fällt. Die flottierenden Fäden haben die Tendenz, sich zu¬ sammenzuschieben und gleichzeitig die quergehenden Fäden zusammenzupressen, hierdurch entstehen Par¬ tien, die im Verhältnis zur Grundbildung teils dicht, teils durchbrochen sind, was bis zu einem gewissen Grad an sogen. Gazebindung erinnert.

Der Stoff hat keine ausgesprochene Ober- oder Unterseite, wenn auch das Muster je nachdem wie Kette und Schuss zu einander abgewogen sind, möglicherweise auf der einen Seite deutlicher hervortritt. Ein anderer damit zusammenhängender Unterschied ist der, dass das Muster in unserem Fall dadurch hergestellt wird,

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FÜNFTES KAPITEL

dass die Fadenlage mit jedem Kettenfaden geändert wird, während in den Palmyrastoffen (siehe S. 54) jeder zweite Kettenfaden durchgehend gebunden wird, also wie das Grundgewebe in Leinwandbindung.

Die Fadendichte ist in der einen Richtung 46, in der anderen 54 Fäden per cm. Welches von beiden Fadensystemen die Kette gebildet hat, kann man jetzt unmöglich mit Gewissheit feststellen, aber es besteht die grösste Wahrscheinlichkeit, dass das dichtere der Schuss ist. Dieses bildet auch das Muster auf jener Seite, die, nach der Naht und der Placierung der Silberborte zu urteilen, als Oberseite betrachtet wurde und das Muster auch am deutlichsten zeigt.

Die mikrochemische Untersuchung (Beil. I) hat erwiesen, dass das Material Rohseide ist. Ausserdem hat man an dem einen Fadensystem wahrscheinlich dem Schuss einen schwachblauen Farbton erkennen können, von dem man annehmen kann, dass er von Indigo herrührt. Das Gewebe wäre also zweifarbig gewe¬ sen, wodurch das Muster deutlicher hervorgetreten wäre. Das ist jedoch etwas unsicher, da man sich wohl vorstellen kann, dass das Blau vom Kupfer in der Silberlegierung herrührt. Nunmehr ist die Farbe indessen ziemlich dunkelbraun, irgend ein Farben- oder Nuanceunterschied kann weder mit blossem Auge noch bei ge¬ wöhnlicher Vergrösserung (2 bis 3 Mal) bemerkt werden.

Die Form der erhaltenen Fragmente ist offenbar durch konservierenden chemischen Niederschlag des Silberfadens verursacht, der darauf genäht war. Beachte die Löcher, die die Stiche hinterlassen haben! Erst nachdem man nämlich das Silber abgehoben und den Stoff durchleuchtet hatte, wurde das Muster entdeckt; denn nur von einer Seite beleuchtet, war die Musterung schwer zu erkennen.

Das Silbergitter verdeckte eine Naht, sauber ausgeführt, beiderseitig gefältelt und abgesteppt, wie eine sogen. Kappnaht. Die Form dieser beiden so zusammengefügten Stoffteile war geschweift, der eine ganz wenig, der andere mehr. An dem einen Ende, wo das Gitter schmäler wird und wahrscheinlich aufhört ist der Stoff gerade geschnitten (die Fäden verlaufen parallel bzw. senkrecht zur Naht), während er weiter oben allmählich schräg über den Faden geschnitten ist. Weiter ist der Stoff um das schmale Ende der Tresse herum¬ gelegt, die also von dem Stoff eingesäumt gewesen zu sein scheint. Kann das Ganze eine Art Mütze darge¬ stellt haben, mit einer Naht quer über dem Scheitel und an den Ohren in Falten gelegt?

Eine für das blosse Auge schwer erkennbare Eigentümlichkeit bilden die unter der Lupe hier und da auf dem Stoff sichtbaren kleinen Flecken aus Goldfarbe. Der Goldstaub liegt klar auf der Oberfläche und muss durch Bemalung oder möglicherweise durch Bedrucken mit Hilfe irgend eines Bindemittels aufgetragen wor¬ den sein. Die Fragmente sind indessen viel zu klein für eine chemische Untersuchung, die über das Verfahren Aufschluss geben könnte.

S4a d. Taf. 12 und 16. Zweischüssiger Seidenköper. Die Bindung geht aus dem Schema hervor. Die Bindekette bindet mit jedem 3. Faden den Schuss, wodurch die Oberseite das Aussehen eines dreibindigen Schussköpers erhält. Nur jeder zweite Schussfaden ist auf der Oberseite sichtbar, während der vorhergehende nur auf der Unterseite sichtbar wird. Beim Farbenwechsel vertauschen die beiden Schussfäden sozusagen den Platz, wie aus der rechten Figur hervorgeht. Zwei Fäden derselben Farbe liegen wie ersichtlich beim Farbenwechsel dicht nebeneinander, was darauf hindeutet, dass dasselbe Schiffchen sofort zurück¬ geschleudert wurde, bevor man es mit der anderen Farbe ergriff. Die wirkliche Fadenlage ist bei glatten Geweben natürlich dieselbe, obgleich ich den verdeckten Schuss auf der linken Zeichnung zwischen jeden sichtbaren Schuss eingezeichnet habe.

Nur Unterbrechungen in der Textur, manchmal im Verein mit Wechsel der braunen Nuancen lassen uns aus diesen Stoffresten ahnen, dass der Stoff ursprünglich in mehreren Farben gemustert war.1

Das Fadenmaterial ist in sämtlichen Stücken ziemlich einheitlich. Die Kette ist im Verhältnis zum Schuss aus zartem und festem Faden, nicht allzu scharf linksgesponnen. Das Schussgarn ist immer gröber

1 Es ist leicht einzusehen, dass die Birkafragmente viel zu unklar sind, um einer entscheidenden Untersuchung des Fadensystems als Grundlage dienen zu können. Dem Diagramm Abb. 16 liegt die blau-rote Adlerseide im St. Knuts Schrein der Domkirche von Odense zu Grunde (veröffentlicht von A. Geijer in Aarböger 1935), welcher Stoff im übrigen der Struktur nach mit den Birkastoffen übereinstimmt.

SEIDENSTOFFE

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als das Kettengarn und auch in demselben Stoff kann es recht sehr in der Stärke variieren und es ist so lose gesponnen, dass die Drehungsrichtung nicht beobachtet werden kann. Der Schuss ist ja dichter; in der Regel kann man beim Schuss gut doppelt soviel Bindungspunkte zählen wie bei der Kette. Da die eine Hälfte der Schussfäden immer die andere verdeckt, entspricht die Anzahl der auf der Oberseite sichtbaren Bindungs¬ punkte der doppelten Anzahl von Schussfäden.

Die oben beschriebene Gattung von Seidenköper ist in mehr oder weniger feinen Qualitäten vorhanden, wovon folgende vier Beispiele verschiedene Grade aufweisen.

S 4 a. Grab 735. Taf. 15. Das grösste unter dem Birkamaterial erhaltene Seidenstück, ungefähr 19x12 cm. An wenigen Stellen können Unterbrechungen in der Bindung unterschieden werden, ein Zeichen, dass das Gewebe irgendein Muster gehabt hat. Das Gewebe ist, sowohl was die Ausführung als auch das Material betrifft, sehr ungleich und grob. An der Kette kann man 10 12 mindestens, manches Mal 14 Bindungs¬ fäden per cm zählen. Der Schuss hat ungefähr 30 Bindungspunkte per cm, entsprechend einer Schussdichte von ungefähr 60 Fäden per cm.

S 4 b. Grab 944. Schuss sehr ungleich, mitunter dicke Klümpchen. Undeutliche Spuren von Musterung. In der Kette 12 14 Bindungsfäden per cm.

S4C. Grab 524. Gleichmässiges Gewebe, mittelfeine Qualität. Gleichmässige Kette mit 15 Bindungs¬ fäden per cm. Der Schuss weniger dicht als gewöhnlich: ca. 23 24 Bindungspunkte per cm. Andeutung einer Unregelmässigkeit in der Struktur, die möglicherweise auf einen Farbenwechsel deuten kann, doch jetzt ist kein Nuanceunterschied bemerkbar. Das Material wurde untersucht (Beil. I) und als edle Seide be¬ stimmt, die offenbar entbastet wurde. Verfasserin stellt sich zweifelnd zu der Annahme des Untersuchungs¬ attestes über die ursprüngliche Farbe des Seidenstoffes (gelb ?).

S4d. Grab 944. Feinste Qualität mit deutlichem Farbenwechsel. In der Kette 16 17 Bindungsfäden per cm. Der Schuss zählt 42 Bindungspunkte per cm. Das Gewebe ist äusserst ebenmässig, die Seide unge¬ wöhnlich glänzend. Der Farben Wechsel wird deutlich durch zwei braune Nuancen gekennzeichnet. Das Fragment ist jedoch zu klein, um Angaben über den Charakter des Musters machen zu können.

S 5. Grab 944. Taf. 13: 1. Dünne, gestreifte Köperseide mit deutlichem Muster. Bindung dieselbe wie die übrigen hier oben beschriebenen, ausgenommen, dass die Füllkette einfach ist. Sowohl Kette als Schuss sind viel schütterer, weshalb die Textur verworren wirkt. Die Kette besteht aus feinen, scharf gesponnenen Seidenfäden, wovon 32 auf 1 cm gehen (=16 Bindungsfäden). Der Schuss ist besonders in den Musterpartien grob und so gut wie ungesponnen. Die Zahl der Schussfäden per cm wechselt sehr. Im breitesten Teil des Fragments ist deutlich ein 13 mm breites Band zu unterscheiden, von dem sich zwei gleiche Figuren abzeichnen, deren genaue Form jedoch nicht mit Bestimmtheit ausgenommen werden kann der grössere Teil besteht aus 3 parallelen Stäben, welche möglicherweise an dem einen Ende so verbunden sind, dass sie eine vereinfachte Palmette oder dgl. bilden. Diese Musterborte verläuft in einer Einfassung von schmaleren Streifen mit sehr zar¬ tem Schuss, der das Gewebe dünner und weniger glänzend macht. Hierauf folgt wieder ein breiter Streifen mit dickem und glänzendem Schuss, in dem wir jedoch keinerlei Musterung bemerken können. Nach einem nochmaligen schmalen, dünnen Streifen folgt eine dichte Partie, wo dunklere Flecken möglicherweise irgend¬ ein Muster andeuten.

Das Fragment besteht aus einem unregelmässigen, schräg geschnittenen Stück ungefähr in der Grösse 3 Xio cm, das am einen Ende einen 5 mm breiten Saum in der Längsrichtung des Stoffes trägt, im übrigen aber an den Rändern ausgefranst ist. Es macht den Eindruck, als wäre es stark gefältelt gewesen. Ausserdem ist ein kleines Stück von ca. 3 cm Länge vorhanden, hauptsächlich aus einem sehr schmalen Saum bestehend* der mit einem recht groben Seidenfaden ausgeführt ist. Nach dem Format zu urteilen, ist die Seide offenbar

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FÜNFTES KAPITEL

ein selbständiges Kleidungsstück gewesen, es war also nicht wie die meisten übrigen hier vorkommenden Seiden an einem anderen Stoff als Verzierungen angenäht.

Dass Seide eine kostbare Ware war, geht daraus hervor, dass sie, wie es scheint, hauptsächlich in kleinen Mengen, in Form von schmalen Streifen oder kleineren Stücken, auf anderem Stoff als Verzierungen aufgenäht, verwendet wurde. Siehe weiter Kap. XII, wo die Kleidertracht besonders erörtert wird. Für diesen Zweck ge¬ langte vor allem Köperseide zur Anwendung, seltener und dann sparsam Taft.

In einem einzigen Fall ist uns ein so grosses Stück Köperstoff erhalten, dass man begründeter Weise ein grösseres Kleidungsstück aus Seide vermuten könnte. Die beiden Fragmente aus dünnen gemusterten Seidenstoffen S 3 und S 5, können ja ganze Kleidungsstücke gebildet haben, vielleicht eine Kopfbedeckung. Darauf deu¬ tet die Naht auf S 3 hin, die von der Silberborte verdeckt war.

Das Seidenmaterial konnte in sämtlichen untersuchten Fällen als Edelseide fest¬ gestellt werden, d. h. vom Maulbeerspinner (Bombyx mori) stammend. Doch die Zu¬ richtung, der die Seiden unterworfen wurde, war nicht immer dieselbe. Bei den häu¬ figsten Sorten, den Köperseiden, ist der Kokonfaden deutlich entbastet, d. h. mehr oder weniger vollständig vom Seidenleim befreit, der den Faden anfänglich umgibt, ein Verfahren, das noch immer befolgt wird, wenn man die beste Qualität mit mög¬ lichst starkem Glanz erzielen will. Von derselben Qualität ist jene Seide, die für die Brettchenbänder verwendet wurde.

In den dünnen, taftartigen Seidensorten sowie den feinen mit Bindungseffekten gemusterten, S 1, S 2 und S 3, ist dagegen der Kokonfaden nicht entbastet, er ist mit andern Worten Rohseide, doch im allgemeinen von sehr feiner Qualität. Die Tatsache, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, die Kokonfäden zusammenzu¬ spinnen, sondern sie einfach (mit Hilfe des Seidenleims) zusammenkleben liess, deutet darauf hin, dass das Gewebe an dem Platz, wo die Seide gehaspelt worden war, auch hergestellt wurde; denn einen längeren Transport hätte die ungesponnene Seide kaum überstehen können, soweit sie nämlich zur Kette hätte taugen sollen. Für den Schuss stellt man hingegen nicht so hohe Anforderungen an die Ebenmässigkeit und Stärke des Fadens. Rohseide hat ja im allgemeinen einen geringeren Glanz als die entbastete Seide und wird daher, obwohl sie sehr stark ist, als weniger wertvoll geschätzt als die entbastete. Die ausserordentlich feinen und wohlgearbeiteten Taftqualitäten und vor allem die gemusterte Seide deuten darauf hin, dass man das beste und feinste Material verwendete, das an dem Ort, wo die Seiden erzeugt wurden, zu Gebote stand. Um recht dünne Gewebe zustande zu bringen, ist dieser Faden wohl geradezu als ideal anzusehen, obwohl er begreiflicher Weise bei dem Arbeiter grosse Geschicklichkeit und Übung voraussetzt. Dies zum Vergleich mit den westlicheren Köperstoffen, die zum grössten Teil aus Schuss bestehen und deren Kette oft gezwirnt ist.1

1 Um eventuelle Einwendungen zu widerlegen, dürfte es am Platze sein, in diesem Zusammenhang Folgendes hinzu¬ zufügen. Die Methode, die Kokonseide nicht zu entbasten, braucht an und für sich kein primitives Verfahren bedeuten.

SEIDENSTOFFE

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Uber die Qualität der Seide sei hier noch an Hand sonstiger Birkafunde, in denen Seide vorkommt, berichtet, nämlich der Bänder. In den Brettchenbändern ist der Faden aus gewöhnlicher entbasteter Haspelseide, welche sorgfältig gesponnen und gezwirnt ist. Durch die Analyse des einzigartigen breiten Bandes B 1 wurde noch eine Gattung von Seidengespinst nachgewiesen. Die Kettenseide ist auch hier ent- bastet, während das grobe, mehrfarbige Seidengarn, das für das Muster verwendet wurde, aus einem Material besteht, das man jetzt Floretteseide nennt, d. h. nicht ent- bastete Abfallsseide. Solche Seide lässt sich nicht aufhaspeln und kann daher nicht anders als durch Kardieren und Spinnen auf ungefähr dieselbe Art wie Wolle verar¬ beitet werden. Die Tatsache, dass die Qualität des Kokonfadens durchgehend ziem¬ lich grob ist, deutet darauf hin, dass nur die äusseren Schichten also was beim Has¬ peln abfällt kardiert wurden.

Die mengenmässig überwiegende Gruppe, charakterisiert durch entbastete Seide und Doppelköper, ist entschieden westlicher als die anderen Stoffe. Die Köpertechnik ist zu jener Zeit vor allem den Mittelmeerländern, sogar Persien eigen.1 Da jedoch von den Formen der Muster nichts erhalten ist, so ist es unmöglich, sich über den Er¬ zeugungsort zu äussern. Es ist möglich, dass eine genaue systematische Untersuchung rücksichtlich der technischen Varianten, die unter dem reich erhaltenen Material Vor¬ kommen, in dieser Richtung einen Ertrag liefern würde. Eine solche technische Ver¬ schiedenheit einfache Füllkette zum Unterschied von unserer doppelten be¬ züglich des mit Birka ungefähr gleichzeitigen Osebergfundes wurde oben hervor¬ gehoben. Dieselbe Verschiedenheit wurde gegenüber den im dänischen Heiligen¬ schrein erhaltenen Seidenstoffen festgestellt, wovon der eine in das 11. Jahrhundert datiert werden kann und der andere wahrscheinlich wesentlich älter ist.2 Auf jeden Fall deutet die einheitliche Qualität in unseren Köperseiden wenigstens in dem Typus S 4 darauf hin, dass sie aus demselben Erzeugungsgebiet stammen. Wahr¬ scheinlich war es byzantinisch, heraufgelangt sind die Waren wohl über Russland. Die russischen Chronisten berichten oft über Einkäufe von byzantinischen Seiden¬ waren. IbnFoszlan erzählt, dass die Goldbrokate, die er bei den Russen und Wolga¬ bulgaren sah, aus dem byzantinischen Reich gekommen seien, und die russischen Chronisten erwähnen oft Einkäufe von dorther. Bezeichnend für die Popularität der byzantinischen Seidenstoffe ist der Vorbehalt in einem Vertrag mit dem Fürsten Igor, wonach die russisch-skandinavischen Kaufleute nicht die kostbarsten Gewebe sollten kaufen dürfen.3

Die Seide in den Brettchenbändern kann soweit diese, was wir für wahrschein-

Aus Pfisters Untersuchungen (siehe unten) geht z. B. hervor, dass man das Entbasten zusammen mit allfälligem Färben nur aufschob, bis das Gewebe fertig war. Dann wurden ja an die Stärke des einzelnen Fadens nicht mehr so grosse An¬ sprüche gestellt wie in dem Stadium, da sich der Faden auf dem Webstuhl befindet. Dazu kam, das die beiden mit Serizin zusammengeklebten Kokonfäden natürlich bedeutend stärker waren als der entbastete einfache Kokonfaden.

1 O. v. Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, z. B. Abb. 103, 140, 143, 211, 241.

2 Agnes Geijer, Sidenvävnaderna i Helige Knuts helgonskrin i Odense domkyrka, Aarböger 1935.

3 W. Heyd, Histoire du commerce du Levant, I, S. 64 u. 72.

5 37823. Birka III.

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FÜNFTES KAPITEL

lieh halten (vgl. S. 90 ff.) im Norden erzeugt wurden ebenso gut über den östlichen Weg wie über westlichere Gebiete durch den Handel mit der Rheingegend hierher¬ gelangt sein.1 Sicherlich war der Import von orientalischen Seidenwaren nach dem karolingischen Reich keineswegs unbedeutend.2 3

Verglichen mit den früher beschriebenen Stoffen besteht die zweite Gruppe aus Seltenheiten: es gibt nur 5 oder 6 Beispiele. Schon das Material, die äus- serst zarte, so gut wie ungesponnene Seide, gibt Grund zur Annahme, dass die fertigen Stoffe aus dem fernen Osten stammen. Zu jenem Zeitpunkt hatten ja die Chinesen praktisch noch die Oberhand in der Seidenzucht. In dieselbe Richtung weisen auch Technik und Muster des einzigen dekorierten Stoffes dieser Gruppe, nämlich S 3.

Aus den Bildern geht hervor, dass er in Muster und Technik ziemlich genau mit einigen der chinesischen Seiden aus der Han-Periode übereinstimmt, die Stein bei Lou-Lan im chinesischen Turkestan angetroffen hat Taf. 38: 6 j.z Die ungefähr gleichaltrigen, flordünnen Seidenstoffe, die von Kozlows Expedition zu den Noin- Ula Bergen in der Nordmongolei aufgefunden wurden, sind auch von demselben Typ.4 Dasselbe gilt auch für einige, in griechischen Gräbern auf der Krim gefundene und in das 3. vorchristliche Jahrhundert zu datierende Fragmente, welche also dem frühesten chinesischen Import zuzurechnen sein dürften.5 Die schönen, grossgemuster¬ ten Chinaseiden, die in Palmyra aufgefunden und von Pfister auf so vorbildliche Weise veröffentlicht wurden6, sind auf die Zeit vor 273 n. Chr., in welchem Jahr die Stadt verlassen wurde, zu datieren. Die letztgenannten repräsentieren ein weiter fortge¬ schrittenes Stadium desselben technischen Prinzips, doch ist die Qualität des Seiden¬ gespinstes offenbar ganz dieselbe wie in unserem kleinen Fragment.

In einem Aufsatz, wo eine bisher als abendländisch angesehene zweifarbige Seide als chinesisch nachgewiesen wurde, hat Vivi Sylwan mit Recht die Möglichkeit her¬ vorgehoben, dass die europäischen Kirchenschätze aus dem frühen Mittelalter auch Seidengewebe chinesischen Ursprungs bergen.7 Obwohl also die Möglichkeit be¬ steht, dass Seidenstoffe ähnlich dem S 3 durch den westeuropäischen Handel nach

1 H. Arbman, a. a. O., Kap. I.

2 Siehe z. B. Franqois L. Ganshof, Note sur un passage de la vie de Saint Geraud d’Aurillac, Melanges Iorga 1933. E. Sabbe, L’importation des tissus orientaux en Europe occidentale au haut moyen äge. Revue beige de philologie et d’histoire 1935.

3 Sir Aurel Stein, Innermost Asia, Oxford 1928. Die hier Taf. 38 gezeigten Aufnahmen hat mir Fräulein Sylwan freundlichst zur Verfügung gestellt.

4 VeröfF. auf Russisch von der Akademie der Wissenschaften in Leningrad 1925, sowie von Camilla Trever, Ex- cavations in Northern Mongolia, Leningrad 1932, Taf. 21.

5 Compte-rendu de la commission imp. archdol. 1878 1879, Taf. V, 3.

6 R. Pfister, Textiles de Palmyre, Paris 1934.

7 Vivi Sylwan, Eine chinesische Seide mit spätgriechischem Muster aus dem 5. und 6. Jahrhundert. Mit web- technischer Untersuchung von Kurt Hentschel. Ostasiatische Zeitschrift, Neue Folge XI, Heft 1. Vgl. z. B. W. F. Volbach, Spätantike und frühmittelalterliche Stoffe, Katalog des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Nr. 10, Taf. 7, Kat. Nr. 276.

SEIDENSTOFFE

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dem Norden gelangt sind, hat es doch wohl mehr Wahrscheinlichkeit für sich, dass dieser aus dem Osten hierher gekommen ist. Gewisse in Birka gefundene Bronzebe¬ schläge deuten u. a. daraufhin, dass die Schweden Verbindungen mit dem Khazaren- reich unterhielten. Durch ihre Beziehungen zu den südlich vom Kaspischen Meer wohnenden Arabern haben die Khazaren sicherlich mit Leichtigheit von den trans¬ asiatischen Karawanen Waren erhalten können.

VI.

DIE VERSCHIEDENEN ARTEN VON GOLD- UND

SILBERFÄDEN.

In dem erhaltenen Textilmaterial befinden sich bedeutende Mengen von Gold- und Silberfäden. Diese Metallfäden sind zur Gänze aus echter Ware erzeugt, also nicht aus vergoldetem Silber oder dem noch billigeren sogen. Häutchengold, das während des Mittelalters allgemein verwendet wurde. Das Gold, das von den chemischen Stoffen der Erde nicht angegriffen wird und daher unverändert geblie¬ ben ist, kann etwas ins Rötliche spielen, wahrscheinlich infolge des Kupfergehaltes, der jedoch, nach der überwiegend blassgelben Farbe zu urteilen, gering ist. Uber die chemische Qualität des Silbers lässt sich schwer etwas sagen, weil es im allgemeinen stark zersetzt ist. In einem Fall liegt möglicherweise Weissgold vor.

Für die zahlreichen Beschreibungen hat es sich als notwendig erwiesen, kurze technische Bezeichnungen einzuführen, auch wenn sie ein wenig gesucht erscheinen können. Nachstehend folgt eine Beschreibung der drei verschiedenen Typen, die Vorkommen:

i. Drahtgold oder Drahtsilber: ein massiver, im Querschnitt runder Draht, der durch Ziehen hergestellt ist. Es kann in der Stärke recht beträchtlich variieren.

2. Spiralgold oder Spiralsilber besteht aus einem derartigen Draht, der in dichten gleichmässigen Windungen um eine textile Seele gewunden ist, die jetzt aber meist vermodert ist. Diese Seele ist nur in etlichen sehr stark korrodierten Stücken mit Silber erhalten und konnte als Seide bestimmt werden; vermutlich wurde aber überall Seide als Stütze für die Spirale verwendet.

3. Mit Gesponnenem Gold oder Silber bezeichnen wir den seit dem späteren Mittelalter am häufigsten vorkommenden Typ von Metallfaden, der aus einem schmalen flachen, um ein textiles Gespinst gewickelten Streifen aus Goldblech (sogen. Lahn) besteht. Von diesem Kernfaden ist nichts erhalten, es ist jedoch wahrscheinlich, dass er hier ebenso wie beim Spiralfaden aus Seide bestand. Der gesponnene Faden ist in unse¬ rem Material im Vergleich zu den beiden anderen Typen sehr selten; nur drei Mal kommt er vor.

Es sei hinzugefügt, dass im Birkamaterial nicht das geringste Beispiel ungespon- nenen Lahns (d. h. eine flache Goldlamelle) zu finden ist, wohl aber mehr oder we¬ niger unregelmässige Blättchen aus Gold- und Silberblech, die bisweilen in Sticke¬ reien eingenäht Vorkommen.

DIE VERSCHIEDENEN ARTEN VON GOLD- UND SILBERFADEN

69

Der Draht wurde ohne Zweifel „gezogen“, d. h. kurze stabförmige Stücke (Bar¬ ren) wurden abwechselnd mit Wärme und Handkraft bearbeitet und so zu immer länger und dünner werdenden Fäden ausgedehnt. Wir kommen später auf die Art der Herstellung zurück. Dass die Länge dieser Drähte keineswegs unbegrenzt war, besonders wenn der Draht grob war, beweisen die häufigen Anstückelungen, die an den Borten aus sehr grobem Golddraht, P 4, 5 und 7, zu beobachten sind. Die Arbeit ist jedoch ganz ausgezeichnet und ebenmässig.

Sowohl an den Posamenten und Stickereien sowie an den Brettchenbändern kann man oft deutlich bemerken, wie das fertige Stück zum Abschluss mit einem harten Werkzeug geglättet wurde, um dadurch den Metallglanz zu erhöhen.

Die verschiedenen Qualitäten haben in der Regel eine eigene zweckdienliche Verwendung gefunden. Stickereien wurden meistens mit dem glatten und zähen Draht ausgeführt. Für Posamenten wurde der dekorative, aber ungeschmeidige Spi¬ raldraht verwendet, mit einigen Ausnahmen, die aus grobem Golddraht verfertigt sind. Als Schuss für die Brettchenbänder eignete sich wiederum am besten der ge¬ schmeidige Golddraht. Der gesponnene Faden kommt nur in ein paar Stickereien (St 1) und in einem Band vor sowie in einem anderen, kleineren Fragment.

Nach diesen praktischen Bemerkungen bezüglich des hier speziell behandelten Materials dürfte es, bevor wir weiter fortfahren, am Platze sein, eine Übersicht über die verschiedenen Arten der Goldfäden und ihre allgemeine Verbreitung zu geben.

Im Altertum und im frühen Mittelalter war der Goldfaden oft in Stoffen einge¬ webt oder eingestickt zu finden die literarischen Quellen legen hierfür reiches Zeugnis ab1 , doch leider ist in dieser Richtung äusserst wenig vollständig erhalten. Ein wesentlicher Grund für diesen Sachverhalt war die Gewohnheit, Gegenstände, für die man keine Verwendung mehr hatte, zu verbrennen, wodurch man das kost¬ bare Metall wiedergewann und neuerlich verwenden konnte. Gegen Ausgang des Mittelalters wurde der echte Goldfaden immer mehr durch billigere Ersatzmittel ersetzt (durch vergoldete Silber- oder Kupferlahne oder schmale Streifen aus Leder oder Darmhaut, sogen. Häutchengold), wovon verschiedene Sorten unter einer Menge Bezeichnungen in den Handel kamen. Textilien aus derartigen Fäden sind in gros¬ sem Umfang erhalten.2

Der gebräuchlichste Goldfaden besteht aus schmalen Lamellen aus echtem Blatt¬ gold, sogen. Lahnen, die um einen Faden aus Seide oder Leinen gewickelt, d. h. gesponnen sind. Seltener kommt der Goldlahn flach, d. h. ungesponnen vor, aber dann nur als Schuss eines Gewebes. Die Erzeugung von Blattgold steht ausführlich

1 Vgl. u. a. Kletler, Girke, Sabbe, a. a. O.

2 Es scheint in der Fachliteratur eine gewisse Verwirrung darüber zu herrschen, was mit den verschiedenen Bezeich¬ nungen in den Urkunden gemeint ist. In einem Aufsatz über weibliche Handarbeit im Mittelalter mit besonderer Berück¬ sichtigung der nordischen Volkslieder gibt uns Sofus Larsen (Kvindelig Haandarbejde i Middelalderen, Aarböger 1915, S. 36 ff.) eine wohl dokumentierte und klare Darstellung, die mit den erhaltenen Funden gut übereinzustimmen scheint.

70

SECHSTES KAPITEL

in einem Manuskript aus dem 8. Jahrhundert in barbarischem Latein beschrieben.1 Der Inhalt ist in Kürze folgender: Hämmere eine lange schmale Goldplatte der Länge nach, schneide sie in Streifen und leg diese aufeinander; erhitze sie dann mit Holz¬ kohle, strecke sie mit der Zange und hämmere sie wieder. Hierauf werden die Mittel zum Erzielen von Glanz genannt sowie angegeben, in wieviele Lamellen jedes Blatt geschnitten werden soll. Ungefähr dasselbe Rezept gibt Theophilus in seiner Sche- dula für die Erzeugung von Blattgold.

Dieses trifft zweifellos gerade auf den oft erwähnten Faden aus geschlagenem Gold, aurum verberatum oder battutum, in gesponnenem Zustand auch filatum ge¬ nannt zu. Verschiedene Funde bezeugen, dass im römischen Reich diese Sorte ver¬ wendet wurde, ebenso wie im Merowingerreich und bei den Angelsachsen. Derar¬ tiges gesponnenes Gold wurde auch auf der Krim in einem Grab aus dem 3. vorchr. Jhdt. gefunden. In grober Qualität kommt es bisweilen in spätantiken ägyptischen Geweben aus Wolle und Flachs vor.2 In seinen Kommentaren zu Theophilus’ Re¬ zept für geschlagenes Gold erwähnt W. Theobald3, dass derartiges Gold in Ägypten unter der V. Dynastie vorkam. Eine Beschreibung eines solchen ungesponnenen Fadens für Gewebe im Exodus, Kap. 39,3, deutet darauf hin, dass die Methode in Asien frühzeitig bekannt war. Sicherlich meinen auch die nordischen Volkslieder solches Gold, wenn sie davon singen, dass man „Gold auf der Spindel spinnt“.

Die Vorgeschichte des gezogenen Goldes wenigstens was seine Verwendung für Textilien betrifft scheint in Dunkel gehüllt. Von den beiden abendländischen Funden, die Larsen erwähnt4 ist die Datierung des einen sehr unsicher wahrschein¬ lich ist der betreffende Goldfaden viel jünger während der andere, das apokry- phische Hochzeitshemd Wilhelms des Eroberers, jetzt verschwunden ist. Abgesehen von den in der vorliegenden Arbeit behandelten Funden der Wikingerzeit kenne ich keinen einzigen westeuropäischen Fund von Golddraht5, wodurch von Falkes

1 In Bibliotheca capituli canonicorum Lucensium. Arm. I. Col. L. Muratori, Antiquitates italicae, II, S. 374. Vgl. Larsen, a. a. O., S. 41 ff.

2 Zur Ergänzung des eben Dargelegten mögen folgende von der Verfasserin oder H. Arbman verzeichnete Beispiele angeführt werden: Im Museum zu Leyden eine beträchtliche Menge sehr fein gesponnenen Goldes aus einem römischen Grab. Im westlichen Grabhügel von Alt-Uppsala aus der Mitte des 6. Jhdts. wurden Fragmente von ungesponnenem Goldlahn gefunden, welche anscheinend in einem Band eingewebt gewesen waren (Sune Lindqvist, Uppsala högar och Ottarshögen, Stockholm 1936, Abb. 99). In den Museen von Strassburg (Odilienburg), Worms (Wohnsheim; vgl. Werner, Münzdatierte Grabfunde, Taf. 34:4) und Mainz Funde aus Gräbern der Merowingerzeit. Laut direkter Mitteilung seitens Dr. Werners ist gezogenes drahtförmiges Gold im Rheingebiet zur Merowingerzeit unbekannt. Ein verworrenes Büschel Goldlahn ist in einem Fund aus der Wikingerzeit aus Hönsi in Norwegen (Prov. Sogn und Fjordane) erhalten, aufbewahrt im Museum von Bergen. Vom frühen Mittelalter bis zu jener Zeit, da man ganz zu billigeren Ersatzmitteln überging, konnte die Verfasserin noch viele Belege für gesponnenes echtes Gold feststellen.

3 W. Theobald, Technik des Kunsthandwerks im zehnten Jahrhundert. Des Theophilus presbyter Diversarum artium schedula.

4 A. a. O., S. 57 f.

5 v. Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, II, S. 23, Fussnote 1.

Die Verfasserin hat an den betreffenden Stellen eine grössere Zahl fürstlicher und bischöflicher Grabgewänder u. a. Textilien studiert, besonders aus der Periode 850 1 100, und dabei keine Probe von Draht gefunden. Die Britischen Inseln habe ich leider in dieser Hinsicht nicht untersuchen können. Die Literatur gibt aber keinen Anlass, die Richtigkeit meiner oben dargelegten Auffassung zu bezweifeln. Eines der Taplow Gräber z. B. enthält einen mit plattem Goldlahn

DIE VERSCHIEDENEN ARTEN VON GOLD- UND SILBERFÄDEN 71

Auffassung nur bestätigt wird, dass diese Technik im Abendland erst seit unge¬ fähr 1500 in Gebrauch stand.

Sehr interessante Auskünfte über die Verbreitung von aurum et argentum trac- titium im Westen geben die päpstlichen Inventare aus dem Jahre 1295.1 Nach den ausführlichen Beschreibungen kommt es gerade in solchen Seidenstoffen vor, die, nach den Motiven zu urteilen, byzantinische Fabrikate sind. Ein Mal findet es sich in einem Dorsale mit armenischen Buchstaben. Manches deutet darauf hin, dass die Verwendung von Drahtgold für Gewebe eine spezielle byzantinische Erfindung ist. Larsen ist der Ansicht, dass die Technik in Syrien, dem wichtigsten Land des byzan¬ tinischen Reiches für Seidenweberei, schon vor der arabischen Invasion bekannt war.

Abb. 18. Lappische Frau zieht Zinndraht . Nach Scheffer, Histoire de la Laponie, Paris 1778.

Indessen kann man in diesem Zusammenhang nicht an der Tatsache Vorbeigehen, dass die Technik der Metallzieherei selbst bedeutend älter ist und weiter verbreitet war in den antiken Goldschmiedearbeiten ist sie ja ziemlich gebräuchlich. Die Gold¬ schmiede haben also schon früh Draht erzeugt. Dies auch für Gewebe zu verwenden, muss aber wohl eine Erfindung der Byzantiner gewesen sein, was vielleicht mit der Verbesserung der Qualität zusammenhängt.

Leider gibt es keine ausführlichen Angaben über die Technik selbst; die Beschrei¬ bung von Theophilus betrifft ein Werkzeug, das Drahtzieheisen, leider ohne jede Gebrauchsanweisung. Sie sei hier in Kürze wiedergegeben: „Zwei Eisen von drei Finger Breite, oben und unten verjüngt, durchwegs flach und mit drei oder vier Rei¬ hen von Löchern, durch die die Drähte gezogen werden sollten.“ Theobald scheint es in seinem Kommentar als selbstverständlich anzunehmen, dass man sich nebst dem Drahtzieheisen komplizierterer Werkzeuge bedient hätte, eine Annahme, die uns

durchzogenen Wollstoff. Siehe Suse Pfeilstücker, Spätantikes und germanisches Kunstgut in der frühangelsächsischen Kunst, Berlin 1936, S. 231.

1 Larsen, a. a. O., S. 59.

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SECHSTES KAPITEL

aber weniger selbstverständlich erscheint, wenn wir das primitive Verfahren der Lappen beim Ziehen von Zinndraht in Betracht ziehen. Dieses ist heute noch das¬ selbe wie wenigstens im 17. und 18. Jhdt. und wie es von Joh. Schefferus beschrieben wurde.1

Das auf Schefferus’ Bild, Abb. 18, dargestellte Werkzeug hätte ebenso gut als Illustration zur Beschreibung des Theophilus dienen können. Könnte hier vielleicht ein Zusammenhang bestehen? Jedenfalls scheint es nicht unbegründet, hier einen Teil von Schefferus’ Beschreibung anzuführen: „Sie haben ein Stück Horn, in dem mehrere Löcher sind, die einen kleiner und die anderen grösser; dann wird hier ein ellenlanges Stück Zinn eingezogen, mit den Zähnen nacheinander durch immer kleinere Löcher gezogen und dadurch verkleinert, bis es die Dimensionen eines Drahtes erhalten hat. Unmittelbar nachher, während der Draht noch weich ist, wird er um einen aus Sehnen verfertigten Faden gewickelt, sodass dieser ganz verdeckt wird, was mit Hilfe einer Spindel geschieht.“ Die Lappen verwenden nämlich zum Nähen u. dgl. einen Faden, den sie aus Renntiersehnen hersteilen. Der dekorative Zinndraht, der übrigens ganz dem Spiralfaden aus Birka gleicht, obwohl er gröber ist, verwenden die Lap¬ pen in den Applikationsstickereien, womit sie die Kleider und das Geschirr der Renntiere verzieren.

In der nordischen Goldschmiedekunst ist die Technik der Metallzieherei in der früheren Eisenzeit nachweisbar und eine Menge Funde fertiger Schmuckstücke wie auch von Halbfabrikaten Knäuel einfachen und gezwirnten Silberdrahtes be¬ weisen, dass sie während der Wikingerzeit fleissig angewendet wurde.2 Einzelne Silberschmuckstücke aus den Birkagräbern lassen erkennen, dass diese Technik be¬ sonders bei den an dem Handelsplatz tätigen Handwerkern in Gebrauch stand. Nach den ausgegrabenen Resten einer Silber- und Bronzeschmiede aus dem 11. Jhdt. zu urteilen, scheint dasselbe auch in Sigtuna, der Nachfolgerin Birkas als Han¬ delsstadt, der Fall gewesen zu sein.3 Ob die dabei gefundenen, unregelmässigen, mit Löchern versehenen Scheiben aus Eichhorn wirklich zum Drahtziehen ver¬ wendet wurden, erscheint mir ungewiss, obwohl nicht unwahrscheinlich.

Es ist schwer, eine bessere Erklärung dafür zu finden, wo die Lappen diese unge¬ wöhnliche und gar nicht selbstverständliche Technik gelernt haben könnten, als die, dass sie diese Kenntnis bei den Handelsleuten aus Birka erwarben, die ja einen bedeutenden Pelzhandel mit der weiter im Norden lebenden Jägerbevölkerung be¬ trieben. Es gibt ja noch mehrere andere für die Lappen charakteristische Züge, die die Verwandtschaft mit der Wikingerkultur an den Tag legen, u. a. die Ornamentik der Horn- und Beinarbeiten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch ihre Klei-

1 Lapponia, lat. Ausg. 1673, franz. Ausg. 1778. Bezüglich dieser und anderer Angaben zitiert S. oft ältere For¬ scher, bes. Bureus.

2 Z. B. Funde von Sturkö, Blekinge, und Glemminge, Skäne, (S. H. M., Inv. Nr. 8770, 14452) und von Kinsta, Öland (S. H. M., Inv. Nr. 128). Im letzteren ist der Silberfaden so zart und weich, dass man sich sehr wohl vorstellen kann, dass er für dieselbe Sorte Bänder wie die Birkabänder verwendet wurde.

3 Erik Floderus, Nägra brons- och silversmedfynd frän det äldsta Sigtuna, Fornvännen 1928, S. 89 if.

DIE VERSCHIEDENEN ARTEN VON GOLD- UND SILBERFÄDEN

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düng z. B. die sogen. Silberkragen mit ihren aufgenähten flachen oder lose herabhängenden Silberzieraten von einem derartigen Kleiderluxus beeinflusst worden sind, von dem uns die Birkagräber eine schwache Vorstellung geben. Wahrscheinlich hat die einzige Form von Weberei, die die Lappen nach Schefferus u. a. Quellen seit alters betreiben, nämlich die Brettchenweberei, auch denselben Ursprung.

Gegenstände aus reinem Zinn waren zur Zeit der Wikinger wenig gebräuchlich, einige wenige wurden jedoch in Birka gefunden. Die beiden einzigen vorgeschicht¬ lichen Beispiele von wirklichem Zinndraht, die bisher in Schweden gefunden wurden, sind jüngeren Datums, aus dem 11. Jahrhundert oder noch später. Das eine findet sich in dem berühmten Werkstattsfund vom Furen-See in Smäland, das andere stammt aus dem nördlichsten Schweden, aus Graträsk bei Piteä.1 Im 8. Jahrhundert aber war Belag aus Zinn auf Schmuckstücke nicht selten zu finden und ausserdem kam ja Zinn in Bronze vor. Man kann sich daher recht gut vorstellen, dass die Lappen auch das Metall aus Birka bezogen haben. Es sei hinzugefügt, dass das lappische Wort für Zinn ein nordisches Lehnwort ist, das nach Ansicht der Sprachforscher vor der Wikingerzeit ebenso wie mehrere andere Worte, die sich auf die Kleidung beziehen, übernommen wurden.2

Es ist nun die Frage, ob die ungewöhnliche Technik der Metallzieherei, die an den Birkafunden zu beobachten ist, den Schluss zulässt, dass sämtliche aus diesem Material verfertigten Arbeiten, Stickereien, Posamenten und Brettchenbänder, in dem¬ selben Gebiet erzeugt wurden. M. E. ist dies nicht notwendig. Zweifellos ist die Tech¬ nik an und für sich orientalisch und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Teil der Gegenstände im fertigen Zustand importiert wurde. Dagegen lässt sich von einer Reihe anderer Dinge, vor allem den geflochteten Golddiademen usw., P 4 8 u. 1 6, mit ihrem dicken Draht kaum anderes annehmen, als dass sie einheimisch sind. Ihr nordischer Ursprung dürfte weiters auch Wahrscheinlichkeit durch ähnliche Funde im Skopinntull-Grab bei Adelsö sowie durch zwei norwegische Funde gewinnen. Die russischen Funde von offenbar ganz ähnlichen Dingen brauchen einer solchen Auf¬ fassung nicht zu widersprechen.3

Einen Einwand gegen die Annahme einheimischer Erzeugung stellt unleugbar das Material selbst, das Gold, dar. Zu jener Zeit war ja dieses im Norden recht selten und es erscheint merkwürdig, dass die Goldschmiede, wenn sie reichliche Vorräte an diesem Metall besessen hätten, es zum Drahtziehen und nicht für ganze Stücke verwendet hätten. Doch dasselbe Argument gilt, soviel ich weiss, auch für

1 Beide in S. H. M., Stockholm. Vgl. Nils Keyland, Senträdsspinning, tenndragning och bältsmyckegjutning hos lapparna i norra Jämtland, Fataburen 1920, S. 148 149.

2 Vgl. K. B. Wiklund, Om lapparnas mössor, in Svenska kulturbilder Bd. 6, und Sigrid Drake, Västerbottenlap- parna under förra hälften av 1800-talet.

3 Vgl. unten, S. 105, Fussnote 1 und 2.

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SECHSTES KAPITEL

weite Teile von Russland. Irgend einen schwerwiegenden Einwand stellt dies also nicht dar.

Für die Annahme einheimischer Erzeugung spricht jedoch die grosse Menge textiler Schmuckstücke Posamenten, Stickereien und Brettchenbänder , die mit Silber- und Golddraht verarbeitet worden sind. Überreste solcher Erzeugnisse waren in 9 1 der untersuchten Birkagräber vorhanden. So viel kann kaum importiert worden sein.

VII.

BÄNDER.

Rin broschiertes Band ein echtes Gewebe.

Im Vergleich zu der grossen Menge von Brettchenbändern nimmt das auf Taf. 16 abgebildete und als B i ausführlich beschriebene Band einen beson¬ deren Platz für sich ein. Es ist nicht nur innerhalb des Birkamaterials einzig in seiner Art, sondern es dürfte auch kaum anderswo ein Gegenstück haben.

Leider ist sein jetziger Zustand viel zu schlecht, um von seinem ursprünglichen Aussehen eine genaue Vorstellung geben zu können. Nach Zusammenstellung der an den einzelnen Fragmenten gemachten Untersuchungen konnte indessen ein Modell, Taf. 25: 5, rekonstruiert werden, das, schematisch gesehen, richtig sein dürfte, wenn es sich auch denken lässt, dass die Einzelheiten anders ausgesehen haben.

Es war ohne Zweifel eine hübsche und prachtvolle Arbeit. Von einem silbernen Hintergrund, innerhalb des Randes mit roten Seidenstreifen verziert, hob sich ein geo¬ metrisches Muster aus dicker Seide in mindestens 3 verschiedenen Farben ab: rot, blau (?) sowie gelb oder grün (vielleicht beides). Im Vergleich mit den Brettchen¬ bändern ist dieses Band ungewöhnlich breit, beinahe einen halben Dezimeter, und auffallend geschmeidig. Eigentümlich ist die Materialmischung: Wolle und Seide für die Kette, fein gesponnener Silberfaden für den Grundschuss und grobe Seide für das broschierte Muster. Wahrscheinlich wurde das Band auf irgend einem Band¬ stuhl oder einem ähnlichen Webapparat mit Schäften hergestellt. Das Grundgewebe ist Köper; auf den sehr fragmentarischen Überresten, an denen noch Fäden der wol¬ lenen Kette vorhanden sind, ist es unmöglich, die Fadenzahl genau festzustellen. Die mehrfarbige Broschierung erinnert stark an das Verfahren bei den schwedischen Krabbasnär-Geweben. Die Broschierung folgt der Textur des Köpers, so dass die farbigen Flächen einen dunklen Umriss erhalten, eine technische Eigentümlich¬ keit von guter ästhetischer Wirkung.

B 1. Grab 963. Taf. 16 u. 25: 5. Fragment eines gewebten Bandes mit broschiertem Muster. Der grösste Teil des Materials ist jetzt zu Grunde gegangen. Das Ganze lag mit Erde, Kies, einem Stück Bernstein, einem Holzstück und unbedeutenden Überresten von Seide zusammengeballt und verfitzt. Durch sorgfältige Behandlung in einem Wasserbad glückte es, zusammenhängende Stücke herauszulösen und auszubreiten, sodass die Technik und bis zu einem gewissen Grade auch das Muster rekonstruiert werden konnten.

Die Kette bestand hauptsächlich aus dunklem Wollgarn, von dem aber Reste nur an einer Stelle erhalten

76

SIEBENTES KAPITEL

sind, teils aus noch erhaltener, ursprünglich roter Seide, die ca. 5 mm innerhalb des Bandes einen Streifen aus vier Fäden bildete. Der Schuss war ein ziemlich dünner gesponnener Silberfaden, von dem jetzt kaum mehr als die hellbraune Seidenseele mit einzelnen anhaftenden Resten des Silberlahns erhalten ist. Die verhältnismässig groben Broschierfäden sind aus Abfallseide, sogen. Florettseide gesponnen, deren Kokonfäden von einer starken Seidenbasthülle mit starker Ritzenbildung umgeben sind (Beil. I). Die Farben dieses Garns sind teilweise deutlich rot, wahrscheinlich mit Krapp gefärbt, teilweise dunkelblau (?) sowie gelbbraun, letztere kann ur¬ sprünglich gelb oder grün gewesen sein.

Die Bindung des Grundgewebes ist ein 5- oder 6-bindiger Köper, in einer Spitze eingerichtet, mit Schuss¬ effekt also in Silber für die wollene Kette und Ketteneffekt für die rote Seidekette. Die Kettendichte war etwa 14 16 Fäden per cm. Die Broschierung ist in der Regel den diagonalen Linien des Grund¬ gewebes gefolgt, sodass die dunklen Fäden der Kette das farbige Muster konturierten. Die Formen des Musters ähneln dem schwedischen Krabbasnär, doch ist die Technik nicht ganz dieselbe: der Faden wird immer in derselben Richtung herum geführt, wie z. B. beim Flachstich, sodass die einbroschierte Figur auf der Un¬ terseite des Gewebes ähnlich aussieht.

Eine genauere Vorstellung vom Aussehen des Musters kann man sich infolge der weit vorgeschrittenen Zerstörung unmöglich machen. Das Grundgewebe ist ja beinahe vollständig verschwunden, wodurch die Mus¬ terfäden aus ihrer ursprünglichen Lage geraten sind und sich verfitzt haben. Die Figuren waren jedoch sicher durchgängig geometrisch; die grösste und am besten erhaltene Partie deutet eine gleichförmige Wiederholung von Rauten an, die einander überschneiden.

Die Breite des Bandes dürfte 45 mm gewesen sein. Die erhaltenen Fragmente machen eine Gesamtlänge von 70 cm aus. Im Grabplan Stolpes ist die Lage des Bandes unter dem Kopf der Frau etwas seitlich ange¬ geben.

Brettchenbänder.

Unter dem in den Birkagräbern erhaltenen Textilmaterial nehmen die mit Brett¬ chen gewebten Bänder mengenmässig den breitesten Raum ein. Von den ungefähr 170 Gräbern, in denen man überhaupt Spuren von Textilien gefunden hat, enthielten beinahe 60 Stück derartige Bänder.

Die erhaltenen Brettchenborten aus Birka sind lauter reine Zierbänder. Da übri¬ gens der Grabinhalt so weitgehend zerstört ist, war es nur in sehr geringem Grade möglich festzustellen, wie die Bänder angebracht waren. Was wir darüber wissen, soll in einem besonderen Kapitel zusammengefasst werden. Doch so viel ist klar, dass sie als Garnierung, auf Seiden- oder Wollstoffen aufgenäht oder angenäht, angebracht waren. Ausser diesen Zierborten muss es wohl auch einfachere Bänder mit rein prak¬ tischen Funktionen gegeben haben, doch diese waren vermutlich aus weniger kost¬ barem und vergänglicherem Material. Die einzigen nachweisbaren Reste eines solchen Bandes sind unscheinbare und sehr beschädigte Reste aus Wolle. Das Material der erhaltenen Bänder besteht teils aus einem Grundgewebe aus lauter Seide oder Seide vermischt mit einem jetzt vermoderten Faden, wahrscheinlich aus Flachs, teils aus Gold- und Silberdraht als Effektschuss. Von den Goldborten ist nur der Goldschuss erhalten, während das Silber dank seiner Oxydierung (vgl. oben) die Seide vor der Vermoderung bewahrt hat.

Die Technik der Brettchenweberei hat ja, nach einer ansehnlichen Reihe vorge-

BÄNDER

77

schichtlicher Funde zu urteilen, in der primitiven Textilarbeit eine hervorragende Rolle gespielt und sich das Mittelalter hindurch bis auf unsere Zeit erhalten. In Anbetracht der ausserordentlich grossen Variationsmöglichkeiten dieser Technik, worauf wir später zurückkommen werden, ist es auffallend, wie einheitlich dieses Birkamaterial ist. Trotz wechselnden Musters sind doch alle Bänder faktisch auf ganz ähnliche Art hergestellt.

Die Brettchenweberei dürfte heutzutage dank einer Reihe von Arbeiten1 so be¬ kannt sein, dass sich eine ausführliche Behandlung der Technik mit allen ihren Mög¬ lichkeiten erübrigen dürfte. Tatsache ist, dass man mit diesen einfachen Geräten unter Benützung des geeigneten Garnmaterials die verschiedensten Arbeiten zustande¬ bringen kann. Die Bücher von Margarethe Lehmann-Filhes wie von Margrethe Haid geben genaue diesbezügliche Beschreibungen. Um indessen Missverständnisse in der Terminologie zu vermeiden, folgt hier eine kurze Beschreibung der Herstellung von solchen Brettchenbändern wie wir sie in den Birkagräbern vorfinden.

Im allgemeinen bestehen die Webebrettchen aus kleinen quadratischen Platten aus Bein, Holz oder anderem Material, die in jeder Ecke mit einem Loch zum Durch¬ ziehen eines Fadens versehen sind. Dreht man ein solches Brettchen mit seinen 4 Fäden, dann entsteht eine Schnur. Ein Band besteht aus einer Anzahl solcher Schnüre, die also der Kette eines gewöhnlichen Gewebes entsprechen. Die Zahl der Schnüre setzt immer dieselbe Anzahl Brettchen voraus. Durch das Fach, das dadurch gebil¬ det wird, dass die Brettchen jedes Mal eine Viertel-Drehung machen, wird der Schuss hindurchgezogen, der in der Regel völlig von der Kette verdeckt wird. Bei der Her¬ stellung eines Bandes legt man die Brettchen nebeneinander und dreht sie alle gleich¬ zeitig. Laufen alle Fäden ganz gleichmässig durch die Löcher, so erhalten auch die Schnüre dieselbe Drehungsrichtung, sie laufen „nach einander“. Wird aber jedes zweite Brettchen „verkehrt“ gelegt, d. h. so dass die Fäden in der entgegengesetzten Reihenfolge die Löcher durchlaufen, so erreicht man, dass die betreffenden Schnüre die entgegengesetzte Drehungsrichtung erhalten: die ganze Oberfläche besteht dann aus „paarweise“ gegeneinander gedrehten Strängen. Die Schnurrichtung ändert sich je nachdem, ob die Brettchen zu der fertigen Borte hin oder von ihr weg gedreht werden. Während des Webens kann man in bestimmten Abständen die Drehung aller Brettchen wechseln, teils um damit einen bestimmten Mustereffekt zu erzielen, teils auch, um zu vermeiden, dass die freie Kette sich allzu stark zusammendreht oder verwirrt. Durch sehr häufigen Wechsel der Drehrichtung wird der „Schnureffekt“ verwischt. Man kann z. B. Leinwandbindung erhalten; unter den Birkabändern kommt diese jedoch nicht vor.

1 Margarethe Lehmann-Filhes, Über Brettchenweberei, Berlin 1901. R. Stettiner, Brettchenweberei in den Moorfunden von Damendorf, Daetgen und Torsberg, Mitteil. d. Anthropologischen Vereins Schleswig-Holstein, Kiel 1911. Hans Dedekam, Et tekstilfund i myr fra romersk jernalder, Stavanger Mus. Aarsh. 1921 24, und To tekstilfund fra folkevandringstiden, Bergens Mus. Aarbok 1924 25. Margrethe Hald, Brikvaevning, Kopenhagen 1932, und Brikvaevning i danske Oldtidsfund, Aarböger 1930, u. a.

78 SIEBENTES KAPITEL

Beschreibung der Birkatechnik.

Sämtliche Birkabänder können vielleicht mit Ausnahme von B 24 als vier- fädige Brettchenbänder mit Schnurvorrichtung bezeichnet werden, doch in einer technischen Ausgestaltung, die diese Erzeugnisse auf eine höhere Entwicklungsstufe als die sonst gewohnte stellt. Während in der allgemein üblichen vierfädigen Brett¬ chenweberei das Muster durch die verschiedenen Farben der Fäden und die nach einem bestimmten System geordnete Schnurvorrichtung erzeugt wird, verwendete diese Weberin zur Bildung des Musters einen besonderen Schuss, der mit einer Aus¬ nahme ganz auf der Oberfläche des Bandes liegt und diese zum grössten Teil verdeckt. Das Muster wird durch den Gegensatz zwischen der glänzenden Fläche, die von den goldenen oder silbernen Metalldrähten gebildet wird, und den verschie¬ denen „Stichen“ und Schnurlinien erzielt, die einen Teil des eigentlichen Brettchen¬ bandes darstellen. Dadurch entsteht ein ausgesprochener Unterschied zwischen Ober¬ und Unterseite. In einem einzigen uns erhaltenen Band, B 25 (Taf. 6: 9), läuft der Musterschuss innerhalb einer begrenzten Form hin und zurück, also genau wie bei der Broschierung eines gewöhnlichen Gewebes. In den übrigen Fällen wäre man vielleicht versucht, das Wort „Lancierung“ zu gebrauchen.

Das Verfahren war ungefähr das folgende:

Nachdem man das Fach in Ordnung gebracht und den Grundschuss eingezogen hat, hebt man die beiden oberen Fäden bestimmter Brettchen in die Höhe und zieht den Muster- oder EfFektfaden darunter durch. Darauf werden sämtliche Brettchen um ein Viertel gedreht, worauf die beiden Schüsse wieder durchgezogen werden usw. Das notwendige „Zuschlägen“ des Faches, das dem Gewebe Festigkeit verleiht, kann möglicherweise mit einem Stäbchen oder einem kammähnlichen Werk¬ zeug ausgeführt worden sein.1 Die wirksamste Methode aber, die hier wahrscheinlich zur Anwendung gelangte, ist noch einfacher: die beiden Fadengruppen, die das Fach bilden, werden durch einen kräftigen Handgriff gleichzeitig nach oben und unten getrennt.

Sind alle vier Fäden der Brettchen aus demselben Material, braucht man sie alle ohne Rücksicht auf das Muster nur in derselben Richtung zu drehen. Dies war z. B. mit B 21 sicher der Fall. Ist dagegen ein Teil der Fäden aus einem Material, das nicht sichtbar werden soll, dann muss man darauf bedacht sein, dass die Seidenfäden zum Vorschein kommen, je nachdem wie es das Muster verlangt. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man zuerst die Fäden nach einem bestimmten System durch die Löcher zieht und sodann sämtliche Brettchen eine bestimmte Zahl von Malen abwechselnd hin und zurück dreht, wie es deutlich aus dem neugewebten Bande Taf. 25: 3 und 17: 1 hervorgeht. Die zwei Farben der Kette sollen die beiden verschiedenen Materiale der Fäden vorstellen.

Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass die längsverlaufenden Randschnüre nicht,

1 Sowohl unter dem Birkamaterial wie auch in vielen anderen Funden aus dem frühesten Mittelalter sind solche Geräte häufig zu finden. Vgl. Taf. 39.

BÄNDER

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wie man erwarten sollte, jedes Mal ihre Schnurrichtung wechseln, sobald sich das Muster „umdreht“, sondern recht lange in derselben Richtung weiterlaufen. Also müssen hier die Randbrettchen für sich und die mittleren Musterbrettchen für sich gedreht worden sein.

Hier ergibt sich die Frage, ob man nicht ein anderes Gerät zur Hilfe heranzog. Die primitivste und wohl auch gebräuchlichste Art, das Brettchengewebe zu befesti¬ gen, teils an einem festen Gestell, teils am Gürtel oder dgl. des Webenden er¬ fordert, dass man länger bei der Arbeit sitzen bleibt und bei allfälligen Pausen die Arbeit sorgfältig befestigt, so dass Fäden und Brettchen nicht in Unordnung geraten und sich verheddern. Es wäre jedoch recht schwierig, die ganze Brettchenreihe in mehreren mindestens drei Etappen zu drehen, wie es bei den Birkabändern Regel gewesen zu sein scheint. Wahrscheinlich hatte man, um die Hände frei zu bekommen, irgend eine Art Gestell, das jedes Brettchenbündel in der richtigen Lage festhalten konnte.1 Eine derartige Vorrichtung zur Stützung muss beim Weben eine grosse Hilfe gewesen sein, besonders beim Einziehen des doppelten Schusses. In noch höherem Grad ist dies der Fall, wenn man, um bestimmter Musterdetails willen gezwungen ist, mit einzelnen Brettchen eine oder mehrere Vierteldrehungen vorzunehmen.

B 26 (Taf. 25: 1) unterscheidet sich von allen anderen Birkabändern dadurch, dass beide Seiten fast gleich sind. Die beiden Schüsse liegen hier niemals in dem¬ selben Fach. Der unsichtbare Grundschuss läuft wie gewöhnlich durch alle Brett¬ chenschnüre, die nur in einer Richtung gedreht sind. Der Effektschuss dagegen läuft zwischen, also über und unter den ganzen Brettchenschnüren. Dadurch dass der Silberdraht steif ist, wird das schlichte Brettchengewebe aufgebogen, sodass es sich von der silbernen Fläche reliefartig abhebt. Die Musterfiguren treten also auf beiden Seiten umgekehrt kongruent hervor.

Material Verwendung.

Das Material für die Kette des Grundgewebes war ganz oder teilweise Seide. Der Seidenfaden ist in jenen Fällen, wo eine Untersuchung möglich war, immer rechtsgezwirnt. Wenn alle vier Fäden des Brettchens aus Seide sind, dann erhält die Unterseite das Aussehen von dicht nebeneinanderliegenden Schnüren, z. B. Nr. 20 oder 21. Indessen ist es offenbar, dass man, um das teure Seidenmaterial zu sparen, es teilweise gegen billigeres ausgetauscht hat, soweit es verwendet werden konnte, ohne auf der Oberseite sichtbar zu werden. Beispiele einer solchen Unterseite sind auf Taf. 20 zu sehen. Die Fläche ist hier unregelmässig und locker. Was jetzt wie Löcher aussieht, war sicher von Anfang an mit einem jetzt vermoderten Faden,

1 Ein solch einfaches Gestell beobachtete die Verfasserin in dem lettischen Museum in Riga, Ethnologische Ab¬ teilung. Vgl. auch Abb. 7 bei Lehmann-Filhes, a. a. O., die ein kaukasisches Brettchenwebegestell im Gebrauch zeigt. Die von der Verfasserin durchgeführten Rekonstruktionen der Birkabänder wurden mit Hilfe eines ähnlichen Gestells, hergestellt.

So

SIEBENTES KAPITEL

höchstwahrscheinlich aus Flachs, ausgefüllt, ein Material, das sich als wenig wider¬ standsfähig gegen Verwitterung erwiesen hat. In einem Teil der am besten erhaltenen Bänder ist von dem Flachsfaden eine kaum zu unterscheidende dunkle, verschwom¬ mene Masse zurückgeblieben. Damit dies weniger schöne Garn nicht auf der Ober¬ seite sichtbar wird, war man bisweilen genötigt, in den Musterpartien die Schnurrich¬ tung zu wechseln oder auch mit einzelnen Brettchen noch eine oder ein paar Viertel¬ drehungen mehr zu machen als mit den anderen Brettchen, je nachdem das Muster es erfordert. Andererseits ist das Muster durch das Hervortreten der Seidenfäden be¬ dingt. In dem neugewebten Modell (Taf. 25:3) sind in den Brettchen je zwei rote und zwei blaue Fäden eingefädelt und so geordnet, dass eine Reihe Keile nachein¬ ander gebildet wird; wechselt man nun die Drehung der Brettchen, so kommen die Keile in die entgegengesetzte Richtung zu liegen. In dem einen Teil der Probe wurde bei jeder Drehung der Goldschuss in jede Brettchenschnur eingeführt, deren beide obere Fäden rot waren (= Seide). An einigen Bändern mit besonders deutlich markierten Mustern (B 6 u. 7, Taf. 17: 1) kann man erkennen, dass die Seidenfäden auf der Unterseite gerade dort gesammelt sind, wo der Metalldraht ungebunden auf der Oberseite liegt.

In die Brettchen der Randborten waren entweder Seide oder Ersatzfäden einge¬ fädelt, niemals beide Sorten gleichzeitig. Die Schnüre, die ständig den Schuss bin¬ den, also auf der Oberseite die längsverlaufenden Linien bilden, müssen zur Gänze aus Seide bestehen, während die dazwischenliegenden, auf der Oberseite unsicht¬ baren Schnüre ohne weiters aus dem billigem Faden sein können. Diese sind jetzt verschwunden, wodurch das Band einen durchbrochenen Eindruck macht (Taf. 17: 1).

Der Grundschuss, von Anfang an so gut wie unsichtbar, war manchmal aus Seide, in der Regel jedoch aus Flachs.

Der Effektschuss ist in der Regel aus Gold- oder Silberdraht, welcher stets doppelt eingezogen wird. Nur in zwei Fällen wurde gesponnener Faden verwendet. In dem einen Fall handelt es sich um ein Silberband, fleckenartig broschiert (B 25), in dem anderen um ein ganz goldenes Band, von dessen Schuss eine ansehnliche Menge er¬ halten ist. In diesen beiden Fällen wurde der Musterfaden nur einfach durchgezogen. Möglicherweise hat dies darin seinen Grund, dass es sich mit einem doppelten gespon¬ nenen Faden, der ja empfindlicher ist, schwer arbeiten lässt.

Der Golddraht wechselt recht sehr in Stärke und in Farbe, letztere sogar in Bän¬ dern desselben Grabes, die dieselbe Breite und den gleichen Mustertyp aufweisen. In vielen Fällen, da solche Goldbandfragmente genügend vorsichtig aus der Erde herausgenommen wurden, hängen sie noch immer in ihrer ursprünglichen Lage zusammen, oft in einer Länge von mehreren cm, auf denen man noch immer mehr oder weniger deutlich die Musterung unterscheiden kann, die sich durch die Kettenfäden abgedrückt hat. Eine interessante Einzelheit ist hier zu beobachten; jene Partien, wo der Golddraht ursprünglich ungebunden gelegen hat, sind oft deutlich geglättet und glänzend. Auch hier hat man, wie bei Stickereien und Knoten, den Goldglanz

BÄNDER

8l

noch verstärken wollen, indem man zum Abschluss der Arbeit die Borte mit einem Hammer oder einem anderen harten Werkzeug behandelte.

Uber die Beschaffenheit des Silberdrahtes lässt sich wegen der Oxydierung schwe¬ rer etwas sagen. Im Vergleich zum Gold scheint er im allgemeinen etwas stärker ge¬ wesen zu sein, was wohl seinen Grund darin hat, dass das Gold geschmeidiger und leichter zu verarbeiten ist. Die Zahl der Schussfäden per cm ist nämlich bei Ver¬ wendung von Golddraht grösser als bei Silberdraht, wenn die Kette und die sonstigen Verhältnisse gleich sind, d. h. in jenen Borten, wo man abwechselnd Gold und Silber verwendet hat, B 22. Der Goldschuss der reingoldenen Bänder ist ja jetzt so dehnbar, dass man keine sichere Ziffer festzustellen vermag, die Golddrähte scheinen jedoch im allgemeinen dichter zu liegen als die Silberdrähte.

Vielfärbigkeit.

Indessen kommen auch bei Ganzseidenbändern, beispielsweise bei Taf. 18: 3 oder 20: 2, Unebenheiten auf der Unterseite und deutlicher Wechsel in der Dreh¬ richtung vor also individuell gedrehte Brettchen. Infolge der Brüchigkeit des Ma¬ terials ist es leider unmöglich, die Drehungen der Brettchen einwandfrei klarzulegen. Bisweilen, aber nicht immer, markieren die Unregelmässigkeiten Linien, die im Muster wieder zu finden sind. Ich kann keine andere Erklärung dafür finden, als die, dass die Fäden von verschiedener Farbe waren und dass man deswegen ungefähr nach derselben Methode gearbeitet hat wie bei den mit Flachs vermischten Bändern. Doch müssen in diesem Falle begreiflicher Weise die beiden Farben auf der Ober¬ seite zu sehen gewesen sein, und zwar je nach der Figur. Da jedoch jetzt keine Spur mehr von einem Farbenunterschied zu finden ist, war diese Erklärung für mich nur eine Hypothese, bis ich in Wien das auf Taf. 24 abgebildete, kunstvolle Band zu Gesicht bekam. Dank seines unversehrten Zustandes stellt es einen wichtigen Beitrag zum Problem der Technik der Birkabänder und ihres ursprünglichen Aussehens dar.

Es wird unter anderen mittelalterlichen Bändern im Museum für Kunst und In¬ dustrie, Wien, aufbewahrt. Dank des freundlichen Entgegenkommens Dr. Gargers konnte ich in die genaue Beschreibung des Museums über die Technik Einblick neh¬ men, ebenso wie ich die Erlaubnis erhielt, die ausgezeichneten photografischen Aufnahmen, die im Museum für mich gemacht wurden, zu veröffentlichen: Das be¬ treffende Band wurde mit 73 vierlöchrigen Brettchen hergestellt, in die rote und blau¬ schwarze Seide eingefädelt war. An den Randborten ist die übliche Schnurvorrich¬ tung zu sehen, in der Hauptbahn aber kommt ein Doppelgewebe zur Anwendung, also eben jene Technik, die unten unter Typus II A beschrieben wird. Hierzu kommt ein goldener Effektschuss (echter Goldlahn um einen roten Seidenkern gesponnen), der von den roten Kettenfäden gebunden wird. Die Ornamente sind auf der Oberseite vorwiegend rot und teilweise schwarz, auf der Unterseite sind die Farben umgekehrt. Der unsichtbare Grundschuss ist aus gelbroter Seide. Leider fehlt jede Angabe, woher das Band gekommen ist; wahrscheinlich stammt es aus einem Kirchenschatz.

6 37823. Birka III.

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SIEBENTES KAPITEL

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Abb. 20. Muster der Brettchenbänder .

a B 6, b B 22, c B 20, d B 19, e B 21

SIEBENTES KAPITEL

84

Muster.

Die Anordnung der Muster ist bei der Mehrzahl der Bänder auffallend einheitlich: in der Mitte eine Musterpartie diagonalen Charakters, die von schlichten Randborten umrahmt ist. Diese bestehen aus einer oder mehreren Brettchenschnüren, die den Musterschuss binden, und dazwischen oft eine breitere Partie, wo der Metallschuss frei liegt und die Unterlage verdeckt, die meist aus der einfacheren Garnsorte verfer¬ tigt ist. Die Musterung ist mehr oder weniger reich und die Zahl der Brettchen wech¬ selt, die Randborten sind fast immer ähnlich und fehlen nur in einzelnen Fällen.

Die Muster sind im allgemeinen, wie aus den Abbildungen 19 20 hervorgeht, diagonal gezeichnet, was sich von selbst aus der Technik ergibt. Die gebräuchlichsten Motive sind Hakenkreuze in verschiedenen Gestaltungen (bald vollständig, bald schräg abgeschnitten, oft mit dem charakteristischen „Tierkopf “-Abschuss1), Rauten, einfachen Sternen und Winkeln. Eine kleinere Gruppe unter den Goldbändern zeigt Wiederholungsmuster, bes. mit Flechtmotiven, Abb. 20 b. Alle diese Muster sind auffallend gleichmässig ausgeführt. Webefehler kommen selten vor und die Ähnlichkeit der Motive ist gross. Man kann hier bis zu einem gewissen Grade von einer Standardisierung sprechen. Die augenscheinlichen Verschiedenheiten sind meistens eine Folge der Qualität des Materials und hängen auch von dem Grad der Zerstörung ab.

Einige wenige Bänder, B 19 21, zeigen Muster eines wesentlich abweichenden Typus. Im B 20, das mit seinen drei verschiedenen Flächeneffekten und doppelten Randborten in künstlerischer Hinsicht weiter fortgeschritten wirkt, haben wir es sicher mit zoomorphen Formen, wenn auch stark verzerrten, zu tun. Auf dem B 19 scheinen Tierköpfe irgend einer Gattung aus der tulpenartigen Blume emporzustei¬ gen, die zwischen den langen Reihen von S-Figuren herauswächst. Das kleine Frag¬ ment, wonach das untere Ornament gezeichnet wurde, ist zu sehr beschädigt, um eine genaue Rekonstruktion zu ermöglichen, es ist aber klar, dass das Muster nicht dem der Brettchenweberei geläufigen Mustervorrat entnommen wurde.

Verglichen mit der Hauptgruppe der Bänder, zeigt die Ausführung dieser zwei etwas Ungleichmässiges und Tastendes, dieselbe Form wird oft in anderer Weise verwendet. Das Muster ist scheinbar für diesen Zweck nicht fertig als Vorbild oder in der Fantasie des Arbeitenden Vorgelegen, sondern offenbar wurde es von einem Gegenstand einer anderen Art übertragen. B 21 ist dagegen trotz seines or- ginellen Musters ausserordentlich klar und gleichmässig ausgeführt. Hinzugefügt sei, dass alle diese Bänder mit ganzseidener Kette hergestellt sind, wobei man also nicht dieselben technischen Rücksichten wie bei den gemischten Bändern zu nehmen braucht.

Sämtliche einigermassen erhaltenen Bänder werden im Folgenden einzeln be¬ schrieben. Manche lassen sich ja wegen ihres zerstörten Zustandes nicht analysieren.

1 Ob hier schon ein gewolltes Tierbildnis vorliegt oder ob es eine rein geometrische Fortbildung des Hakenkreuzes ist, sei dahingestellt.

BÄNDER

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Die als B 2 17 bezeichneten Bänder mit ihren mehr oder weniger standardisier¬ ten Mustern bilden eine ziemlich einheitliche Gruppe, deren auffallendste Unter¬ schiede von der Verschiedenheit des Materials herrühren. In dieselbe Gruppe dürften die Goldbänder B 22 23 einzureihen sein. Da aber von diesen nur der Effektschuss übrig ist, sind ausführliche Beschreibungen aller dieser Reste wenig ergiebig. Sie werden daher als B 23 in Kürze beschrieben werden. Die als B 18 21 bezeich¬ neten Bänder stimmen in der Technik mit der grossen Gruppe überein, in den Mus¬ tern weichen sie jedoch davon ab. Die drei letzten Bänder dagegen, B 24 26 sowie das zum Vergleich herangezogene Band aus Gotland, B 27, repräsentieren, jedes für sich, eine Variation der Brettchentechnik.1

B 2 a. Grab 824. Taf. 19: 1 und Abb. 19 f. Brettchenband mit Silberschuss. In der Musterpartie 9 ganzseidene Br.2 Unterseite dicht und unregelmässig. Am Rande waren 2 ganzseidene Schnüre und dazwischen 2 oder 3 jetzt vermoderte. Im Ganzen 17 19 Br. Schussdichte 15 per cm. Breite 12 mm.